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 Veröffentlicht am: 14. September 2001

Sind die deutschen Kernkraftwerke gegen Flugzeugabsturz gesichert?

Von Joachim Grawe
(
Joachim.Grawe@energie-fakten.de)Grawe

Antwort

  1. Die deutschen Kernkraftwerke sind gegen „Einwirkungen von außen" ausgelegt. Mit Ausnahme der Ältesten gelten für alle von ihnen die verschärften Anforderungen zur Sicherung gegen Flugzeugabstürze („Lastannahmen") von 1973. Diese gehen deutlich über das international Übliche hinaus. Zugrunde gelegt wird der senkrechte Aufprall einer modernen Militärmaschine mit hoher Geschwindigkeit (also wie ein Geschoß) auf das Reaktorgebäude. Die Lastannahmen berücksichtigen insbesondere das Gewicht des Flugzeugs, seine Aufprallgeschwindigkeit und die Menge des mit geführten Treibstoffs. Sie sind niedergelegt in den Leitlinien der Reaktorsicherheitskommission von 1981 (www.rskonline.de).
  2. Der Austritt größerer Mengen radioaktiver Stoffe und ein Kerosinbrand im Inneren des Gebäudes werden dadurch verhindert, daß die 1,50 bis 2 Meter dicke Sicherheitshülle aus Stahlbeton nicht durchschlagen wird. Aber selbst falls das geschehen sollte, bewirkt das noch keinen schweren Unfall. Entscheidend ist, daß die Komponenten des Primärkreislaufs, in dem radioaktiver Dampf bzw. radioaktives Wasser zirkuliert, vor allem der Reaktordruckbehälter aus dickwandigem Stahl, intakt bleiben und die Kühlung (Notkühlung, Nachkühlung) des Reaktors funktioniert. 
  3. Anders als normale Gebäude, bes. auch Hochhäuser, sind Kernkraftwerke in ihrer Statik so ausgerichtet, daß sie einem Flugzeugabsturz standhalten. Der Einsturz der beiden Türme des World Trade Center scheint zudem durch den Brand im Innern wesentlich mit ausgelöst worden zu sein
  4. Diese Vorkehrungen richten sich gegen den unbeabsichtigten Absturz eines Flugzeugs, nicht gegen das bewußte Rammen des Reaktorgebäudes, also den in den Fällen "World Trade Center" und „Pentagon" erstmals angewandten Mißbrauch einer Passagiermaschine als „Bombe". Sie enthalten aber Sicherheitsreserven. Obwohl das verständlicherweise noch nicht im Einzelnen untersucht worden ist, gehen Fachleute davon aus, daß auch in einem solchen Fall schlimme Folgen verhindert werden können. Von Vorteil  ist dabei, daß zivile Großraumflugzeuge weniger Schaden anrichten können als die kompakten Düsenjäger und daß das Reaktorgebäude sehr viel niedriger und wegen anderer Gebäude in der Umgebung schwieriger anzusteuern ist als ein Wolkenkratzer. Auf der anderen Seite könnte die Geschwindigkeit des Jumbojets im konkreten Fall höher sein, und er könnte mehr Treibstoff mitführen. 
  5. Ein Kernkraftwerk ist für Terroristen ein wenig attraktives Ziel. Sie könnten durch einen Angriff auf die Anlage nur wenige Menschen unmittelbar töten. Ihr "Erfolgserlebnis" ist deshalb gering.  Die Folgen einer Freisetzung großer Mengen radioaktiver Stoffe, wenn es denn dazu käme, würden im wesentlichen erst langfristig eintreten ("Spätschäden"). Die Freisetzung ließe sich zudem durch Maßnahmen des "Accident management" verhindern oder doch verzögern mit der Folge, daß deutlich weniger radioaktive Stoffe in die Atmosphäre gelangen. Auch bliebe Zeit für etwa notwendige Evakuierungen.

Nachgehakt: nach der Veröffentlichung gingen uns weitere Fragen in der Sache zu, die wir hier beantworten.

Eine Langfassung ist nicht geplant.

Weiteres Hintergrundmaterial wurde uns von Dr.-Ing. Peer Dräger zur Verfügung gestellt. Es entspricht nicht den bei uns üblichen Formaten; dennoch stellen wir es Ihnen hier zu Verfügung, da der Autor keinen eigenen Server betreibt. Download (../PDF Logo pdf, 765 kB)

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