Energie-Fakten -> Archiv ->Allgemein interessierenden Antworten auf Fragen von Lesern -> Man liest manchmal „Atomkraftwerk (AKW)“ und dann wieder „Kernkraftwerk (KKW)“. Was ist nun richtig ? Oder stimmt Beides ?

Man liest manchmal „Atomkraftwerk (AKW)“ und dann wieder „Kernkraftwerk (KKW)“.

Was ist nun richtig ? Oder stimmt Beides ?

Von Joachim Grawe
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Joachim.Grawe@energie-fakten.de)Grawe

Antwort

Um die Frage korrekt zu beantworten, müssen wir uns klar machen, was in einem solchen Kraftwerk (ich nenne es vorläufig „X-KW“, um die Frage noch offen zu lassen) eigentlich geschieht.

Ein X-KW ist eine Anlage zur Erzeugung von Strom in einem Generator, der durch eine mit Dampf beschickte Turbine gedreht wird. Der Dampf wird seinerseits durch die Erhitzung von Wasser in einem Reaktor erzeugt. Man spricht deshalb von einem „Wärmekraftwerk“. Auch die sog. fossilen Kraftwerke, bei denen der Dampf in einem mit Kohle, Öl, Gas oder Biomasse befeuerten Kessel produziert wird, sind solche Wärmekraftwerke. Die Verbrennung im Kessel eines fossilen Kraftwerks ist ein chemischer Prozess (Verbindung des Kohlenstoffs und des Wasserstoffs in den Energieträgern mit dem Sauerstoff der Luft). Dagegen wird im Reaktor des X-KW nichts verbrannt. Vielmehr findet ein physikalischer Prozess statt.

Zum weiteres Verständnis müssen wir einen Blick auf das Atom werfen. Es besteht bei allen chemischen Elementen aus einem Kern und aus negativ elektrisch geladenen Elektronen, die sich in sog. Schalen mit nahezu Lichtgeschwindigkeit, also mit fast 300.000 km in der Sekunde, um den Kern bewegen. Der Kern enthält seinerseits elektrisch positiv geladene Protonen (und zwar zur Erhaltung der elektrischen Neutralität des Atoms genau so viele wie Elektronen; bei dem leichtesten Element, dem Wasserstoff, ist es nur ein Proton, das von einem Elektron umkreist wird) sowie fast immer dazu elektrisch neutrale Neutronen. Beide Kernbausteine, die Protonen und die Neutronen, fasst man unter dem Oberbegriff „Nukleonen“ zusammen.

Physikalische Kräfte halten sowohl das Atom als Ganzes (Kern + Elektron) als auch seinen Kern (Protonen + Neutronen) zusammen. Die Kraft, die den Kern zusammenhält, heisst „Kernbindungskraft“. Sie ist ausserordentlich stark und muss es auch sein, weil die Protonen als elektrisch gleichnamige (positiv geladene) Elementarteilchen die Tendenz haben, sich wechselseitig mit Wucht abzustoßen. Die Kernbindungskraft wird überwunden, wenn ein irgendwie frei gewordenes (zusätzliches) Neutron in den aus vielen Protonen und Neutronen zusammengesetzten Kern des Atoms eines schweren Elements wie Uran (235 bis 238 Nukleonen) oder Thorium (in aller Regel 232 Nukleonen) eindringt. Das Neutron spaltet den Kern in mehrere kleinere Bestandteile. Dadurch entstehen aus dem schweren Element mehrere leichtere Elemente.

Bei dieser „Kernspaltung“ oder „Fission“ wird ein winziger Bruchteil der Kern-Materie nach der berühmten Einsteinschen Formel E = m • c 2 (Energie entspricht der Masse mal der Lichtgeschwindigkeit zum Quadrat) in Energie umgewandelt. Jedes kg Natururan, in dem das spaltbare Isotop Uran235 , also der Uranatom-Typ mit 235 Nukleonen, nur mit einem Anteil von 0,7 % vorkommt, liefert bis zu 50.000 kWh Strom. Diese Spaltungsenergie heizt das Wasser im Reaktor auf.

Die korrekte Bezeichnung ist deshalb eindeutig „Kernkraftwerk“ bzw. „Kernreaktor“. So ist es auch in der Deutschen Industrie-Norm DIN/IEC 393-18-44 festgelegt. Die internationale ISO-Norm 921/834 definiert: Ein Kernkraftwerk ist ein „Kraftwerk, in dem elektrische Energie oder Wärmeenergie mit Hilfe eines oder mehrerer Kernreaktoren erzeugt wird“.

Die Bezeichnung „Atomkraftwerk“ ist dagegen sachlich falsch. Denn es geht eben nicht um die Spaltung ganzer Atome, sondern – wie gesagt - um diejenigen von (Atom)Kernen.

Das Wort „Atomkraftwerk“ bzw. „AKW“ wird von den Gegnern der Kernenergie als Mittel des politischen Kampfes verwendet. Man versucht in der Politik oft, Sachen, Verfahren oder Vorgängen einen Begriff „anzukleben“, mit dem die Menschen eine negative oder auch positive Vorstellung verbinden. Dadurch soll die jeweilige Sache etc. in einem schlechten bzw. guten Licht erscheinen. Positiv besetzt sind z. B. „Reform“ und „Bio“, negativ dagegen „(Gen-) manipuliert“ und eben „Atom“ seit dem Einsatz von Atombomben am Ende des Zweiten Weltkrieges. Das Kernkraftwerk soll damit bei den Lesern die Assoziation „Aha, so etwas wie eine Atombombe“ auslösen. Diese Assoziation ist unsinnig. Bei einer Atombombe soll in erster Linie Energie, daneben auch Radioaktivität zum Zweck der Zerstörung freigesetzt werden. In einem Kernkraftwerk geht es dagegen um die Gewinnung von Energie zur Stromversorgung. Die radioaktiven Substanzen werden mit Hilfe mehrfach gestaffelter Sicherheits-Systeme (bei westlichen Reaktoren) zuverlässig zurückgehalten.

Übrigens ist auch die Bezeichnung „Atombombe“ eigentlich falsch. Denn was in ihr stattfindet, ist ebenfalls die Spaltung von (Atom)Kernen. International spricht man zutreffend von „Nuclear bombs“ oder in weiterem Sinne von „Nuclear weapons“ („nuclear“ kommt von dem lateinischen Wort „nucleus“ = „Kern“).

Noch unsinniger ist die manchmal in den Medien anzutreffende Bezeichnung „Atommeiler“. Ein Meiler ist ein Holzhaufen, der brennt oder schwelt zur Gewinnung von Holzkohle. Im Kernkraftwerk brennt – wie dargelegt - im Unterschied zum fossilen Kraftwerk aber nichts. Vielmehr werden in seinem Reaktor Spaltstoffe wie Uran, Thorium* oder Plutonium gespalten. Allenfalls kann man mit dem Wortteil „Meiler“ zum Ausdruck bringen, dass ein Kernreaktor für einen langen Zeitraum (ein Jahr und mehr) ohne Zufuhr von weiteren Spaltstoffen betrieben werden kann. Aber verfehlt ist eben der Wortteil „Atom“. Ausserdem denkt man bei einem Meiler eher an etwas Qualmendes, Schmutziges. Deshalb wird auch der Ausdruck „Atommeiler“ von Gegnern der Kernenergie gern benutzt, weil man damit Politik machen kann. In technischer Hinsicht liegen ohnehin Welten zwischen einem Holzkohlenmeiler als primitiver Technik zur Energieumwandlung und einem Kernkraftwerk als hochkarätiger modernster Technik.

*) Genau genommen ist Thorium (232Th) ein Brutstoff, aus dem im Reaktor der Spaltstoff Uran (233U) erbrütet werden kann.

Diese Antwort entstand auf eine Frage eines Lesers im März 2007 und wurde am 3. Mai 2007 veröffentlicht. Eine Langfassung ist nicht geplant.

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