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 Wie viel zusätzlicher Atommüll entsteht …
Veröffentlicht: 6. Mai 2010; Aktualisiert: 23. Nov. 2010

Wie viel zusätzlicher Atommüll entsteht, wenn die Kernkraftwerke länger laufen als in der Kernenergie-Ausstiegsvereinbarung festgelegt?

Von Rolf Krieg
(
Rolf.Krieg@energie-fakten.de, Lebenslauf)

KurzfassungKrieg

Die zur Zeit (Anfang 2010) in Deutschland betriebenen 17 Kernkraftwerke erzeugen pro Jahr 140 bis 150 Milliarden Kilowattstunden elektrischen Strom. Dabei fallen etwa 800 Kubikmeter hochaktive, d. h. Wärme entwickelnde Abfälle an. Die notwendige Verpackung ist in dieser Zahl schon berücksichtigt. Dieses Volumen entspricht einem Würfel mit 9 bis 10 Meter Kantenlänge; das ist das Volumen eines geräumigen Einfamilienhauses. Die hochaktiven Abfälle werden nach einer technisch bedingten Zwischenlagerung später in ein Endlager überführt. Hinzu kommt etwa das gleiche Volumen mittel- und schwachaktiver, d. h. kaum Wärme entwickelnder Abfälle. Sie werden in ein anderes, weniger aufwändiges Endlager überführt.

Nach dem gesetzlich verordneten Ausstieg aus der Kernenergienutzung sollen die in Deutschland noch vorhandenen 17 Kernkraftwerke nach einer Betriebszeit von jeweils etwa 32 Jahren nach und nach abgeschaltet werden. Damit fallen auch die oben genannten hoch-, mittel- und schwachaktiven Abfälle nach und nach weg.

Gleichzeitig soll durch zunehmenden Einsatz erneuerbarer Energien – wie zum Beispiel der Windenergie – und durch Einsparungen beim Energieverbrauch die Stromerzeugung durch fossile Kraftwerke zurückgefahren werden. Dieser Trend wird jedoch durch die Abschaltung der Kernkraftwerke unterbrochen. Die wegfallenden 140 bis 150 Milliarden Kilowattstunden aus den Kernkraftwerken müssen durch eine entsprechende Leistungserhöhung bei den fossilen Kraftwerken ersetzt werden. Dadurch wird auch der (hoffentlich abnehmende) Trend bei der Freisetzung des klimaschädlichen Kohlendioxids aus den fossilen Kraftwerken unterbrochen. Durch die Leistungserhöhung dieser Kraftwerke müssen pro Jahr zusätzlich etwa 100 bis 150 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Erdatmosphäre abgegeben werden. Die genaue Menge hängt von der Technik der zum Einsatz kommenden fossilen Kraftwerke ab.

Korrigiert man nun das Gesetz über den Ausstieg aus der Kernenergienutzung und lässt die Kernkraftwerke länger laufen, so werden für jedes zusätzliche Betriebsjahr weiterhin etwa 800 Kubikmeter hochaktive und etwa dasselbe Volumen an mittel- und schwachaktiven Abfällen anfallen. Auf der anderen Seite werden aber für jedes zusätzliche Betriebsjahr etwa 100 bis 150 Millionen Tonnen Kohlendioxid weniger in die Erdatmosphäre abgegeben.

Übrigens wird die Anzahl der möglichen zusätzlichen Betriebsjahre der Kernkraftwerke durch die technischen Gegebenheiten kaum begrenzt. Die wichtigsten Großkomponenten wie zum Beispiel der Reaktordruckbehälter und der Sicherheitsbehälter haben eine sehr lange Lebensdauer. Andere der Alterung oder dem Verschleiß unterworfene Komponenten wurden und werden weiterhin je nach Bedarf immer wieder ersetzt. Deshalb wurden die ursprünglichen Betriebsgenehmigungen der Kernkraftwerke auch nicht zeitlich befristet. Siehe auch: (Laufzeitverlängerungen deutscher Kernkraftwerke – Wie lange können Kernkraftwerke sicher betrieben werden? und Wenn die deutschen Kernkraftwerke nicht aus politischen Gründen abgeschaltet werden müssten, wie lange könnten sie dann technisch sicher betrieben werden?)


Für den interessierten Leser noch einige Bemerkungen zum vermuteten Hintergrund der gestellten Frage: Wahrscheinlich wurde unterstellt, dass der „zusätzliche Atommüll“, d. h. insbesondere die hochaktiven Abfälle ein schwer zu bewältigendes Problem darstellen.

Dem ist nicht so. Nach unserem sehr gut ausgearbeiteten und erprobten Endlagerkonzept sollen die hochaktiven Abfälle in Glasschmelzen eingebracht und die erstarrten Glaskörper in einen Salzstock eingelagert werden. (Siehe auch: Endlagerung radioaktiver Abfälle in Deutschland)

Das jährlich anfallende Volumen von der Größe eines Einfamilienhauses kann in einem solchen Salzstock mehr als hundertmal untergebracht werden. Die Entsorgung der hochaktiven Abfälle aus den in Rede stehenden 17 Kernkraftwerken ist damit für mehr als hundert Jahre gesichert. Außerdem gibt es eine ganze Reihe weiterer Salzstöcke, die für eine Endlagerung in Frage kämen.

Auch schwere Endlager-Unfälle sind praktisch ausgeschlossen. Man müsste die Glaskörper mit den hochaktiven Abfällen schmelzen oder fein zermahlen, damit diese die Umwelt erheblich belasten könnten. Gelegentlich wird eingewandt, dass dies wohl für einige Jahrhunderte ausgeschlossen werden könnte, nicht aber für einige Jahrzehntausende, die jenseits des menschlichen Erfahrungshorizontes liegen. Dem könnte man entgegen halten, dass in dieser fernen Zukunft die Menschen mit Gefahren vermutlich besser umgehen können als heute.

Derartige Diskussionen sind jedoch abwegig, wenn man die Alternative bedenkt. Durch das Abschalten der Kernkraftwerke werden die hochaktiven Abfälle zwar vermieden. Stattdessen werden aber die Abfälle aus der vermehrten Nutzung fossiler Kraftwerke, nämlich die erwähnten 100 bis 150 Millionen Tonnen Kohlendioxid zusätzlich in die Erdatmosphäre abgegeben. Die daraus resultierenden Gefahren für unser Klima sind aber nicht erst in Jahrzehntausenden sondern bereits in Jahrzehnten relevant.

Die Dimension dieses Problems wird besonders augenfällig, wenn man beachtet, dass gerechterweise auch allen anderen Ländern entsprechende zusätzliche Kohlendioxid-Freisetzungen zugestanden werden müssten. Die gesamten durch menschliches Handeln verursachten Freisetzungen würden sich dadurch um bis zu einem Drittel erhöhen. Für den Klimaschutz wäre das ein schwerer Rückschlag!

Dieser Beitrag wurde am 6. Mai 2010 veröffentlicht und am 23. Nov. aktualisiert.

Siehe auch:

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