Energie-Fakten -> Allgemein interessierende Antworten auf Fragen von Lesern -> Wieso darf der Iran eigentlich kein Atomprogramm durchführen?
Veröffentlicht: 09. Nov. 2011

Wieso darf der Iran eigentlich kein Atomprogramm durchführen?

Manfred Popp
Prof. Dr. M. Popp
Von
Manfred Popp (Manfred.Popp@energie-fakten.de)

Grundsätzlich hat der Iran durchaus das Recht, Kernenergie zu zivilen Zwecken zu nutzen. Er zählt zu den 190 Nicht-Kernwaffenstaaten, die dem Vertrag zur Nichtverbreitung von Atomwaffen (NPT, Non-Proliferation Treaty) beigetreten sind. In diesem Vertrag verpflichten sich die Nicht-Kernwaffenstaaten, Kerntechnik nur zu zivilen Zwecken zu nutzen und unterwerfen sich den Kontrollen über spaltbares Material (Safeguards, siehe auch [1]) der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) in Wien, mit denen die Einhaltung dieser Verpflichtung kontrolliert wird. Das Problem ist, dass der Iran diesen Verpflichtungen nicht nachkommt. Nach Presseberichten hat die IAEO gestern sogar öffentlich erklärt, dass der Iran mindestens bis letztes Jahr an einem Atomwaffenprogramm gearbeitet hat. Seit Jahren versucht der UNO-Sicherheitsrat mit Resolutionen und Sanktionen, den Iran zur Einhaltung seiner Verpflichtungen zu bringen, bisher ohne Erfolg.

Worin besteht das Atomprogramm des Iran? Eine Liste der IAEO nennt 23 kontrollbedürftige Anlagen, darunter einige Forschungsreaktoren und Laboranlagen des Brennstoffkreislaufs. Kernkraftwerke sind bisher nicht in Betrieb, wohl aber im Bau. Am Standort Bushehr befindet sich ein erstes Kernkraftwerk mit 915 MWe in der Inbetriebnahme. Dabei handelt es sich um ein mit russischer Hilfe vollendetes Projekt, das 1975 unter Leitung der deutschen Kraftwerk-Union begonnen worden war, nach der iranischen Revolution von 1979 aber nicht mehr weitergebaut wurde. In diesem Jahr wurde in Bushehr mit dem Bau zweier weiterer Kernkraftwerke gleicher Größe begonnen. Kritischer Punkt des iranischen Atomprogramms ist der Aufbau einer eigenen Anlage zur Urananreicherung nach dem Zentrifugen-Verfahren. Für die Versorgung der Kernkraftwerke in Bushehr mit Brennelementen mit angereichertem Uran besteht ein Vertrag mit Russland, so dass der Aufbau einer eigenen Kapazität für das zivile Programm nicht erforderlich ist; auch mit dem Bedarf der Forschungsreaktoren ist diese Aktivität nicht zu begründen.

Hintergrund

Das Zentrifugen-Verfahren zur Anreicherung von Uran 235 wurde in Deutschland erfunden und von einem britisch-deutsch-niederländischem Konsortium zur Marktreife und zur weltweit überlegenen Anreicherungs-Technologie entwickelt. Die Entwicklung war so erfolgreich, dass die URENCO Deutschland die gesamte staatliche Forschungsförderung zurückzahlen konnte. Inzwischen sind auch Frankreich und die USA Partner der URENCO. Das Verfahren unterliegt dem Geheimschutz, da es auch zur Herstellung von waffenfähigem Material genutzt werden kann. Mitte der siebziger Jahre hat ein pakistanischer Mitarbeiter das damalige know-how ausspioniert und wohl auch an den Iran verkauft. Die vom Iran weiterentwickelte Technik dürfte mit der heutigen URENCO-Technologie nicht entfernt konkurrenzfähig sein, für ein Programm zum Bau einiger Atomwaffen aber ausreichen.

Die Anreicherung des Urans ist für den Betrieb der Leichtwasser-Reaktoren, dem am meistens verbreiteten Reaktortyp, erforderlich. Das im Natururan zu 0,7 % enthaltene spaltbare U 235 muss für Leichtwasserreaktoren auf 3 bis 5 % angereichert werden. Forschungsreaktoren benötigen höhere Anreicherungen, heute meist 20 %, früher und auch heute noch in Spezialfällen 95 %. Hochangereichertes Uran gilt ab einem Anreicherungsgrad von 50 % als waffentauglich. Technisch sind die ersten Schritte in der Kaskadenförmig erfolgenden Anreicherung von 0,7 % aufwärts die aufwändigsten, ausgehend von 5 % oder 20 % ist eine Hochanreicherung nur noch ein kleiner Schritt.

Der Nichtverbreitungsvertrag von Atomwaffen wurde 1968 beschlossen und seither mehrfach weiterentwickelt. Ihm gehören die fünf „offiziellen“ Kernwaffenstaaten USA, Russland, Großbritannien, Frankreich und China an, die sich in dem Vertrag zur nuklearen Abrüstung verpflichtet haben. Es gehört zu den Schwächen dieses ohnehin unausgewogenen Vertrages, dass die Kernwaffenstaaten dieser Verpflichtung nie nachgekommen sind. Die 190 Nicht-Kernwaffenstaaten, die dem Vertrag beigetreten sind, haben das Recht auf unbeschränkte Nutzung der Kerntechnik zu zivilen Zwecken. Die IAEO kontrolliert die Einhaltung dieser Selbstverpflichtung mit dem System der Spaltstoff-Fluss-Kontrolle (Safeguards), das sich bisher durchaus bewährt hat. Denn es sind zwar Kernwaffenstaaten hinzugekommen, aber nicht über den Weg des Missbrauchs ziviler Anlagen. Die IAEO hat aber auch den Auftrag, die zivile Nutzung der Kerntechnik weltweit zu fördern. Dies wird in Deutschland gelegentlich nicht verstanden, macht aber Sinn, weil viele Staaten keinem Vertrag beigetreten wären, der ihnen nur Nachteile bringt. Nur 4 Staaten sind dem NPT nicht beigetreten: Indien, Israel, Nord-Korea und Pakistan. Indien und Pakistan haben durch Bombentests in den 90er Jahren die bereits lange vorher bestehenden Vermutungen ihrer militärischen Kapazität bestätigt, ohne dass es zu nennenswerten Protesten oder gar Sanktionen der Staatengemeinschaft gekommen wäre, ein Sündenfall, der die Glaubwürdigkeit der heutigen Proteste gegen den Iran vermindert.

Siehe auch

  1. Was geschieht zur Verhinderung der Verbreitung von Atomwaffen? (Proliferation)
  2. Schwerter zu Pflugscharen – Megatonnen zu Megawatt; Kann Atomwaffenmaterial für friedliche Zwecke genutzt werden?
    Mehrmals aktualisiertes, umfassendes Hintergrund-Material der Energie-Fakten.de
  3. Dossier der Energie-Fakten: EU-Erdöl-Embargo gegen den Iran
  4. „Iran am Pranger der IAEA“ Deutliche Anzeichen für Arbeiten an einer Atombombe
    (Link zur Neuen Zürcher Zeitung vom 9. Nov. 2011)
    „Die Atombehörde der Uno hat ihre Gangart gegenüber Iran verschärft. Erstmals hält sie fest, dass die Befürchtungen über ein mögliches Atomwaffenprogramm Irans gut begründet seien.“ (Titel & Text: NZZ.ch)

Eine Langfassung diese Textes ist nicht geplant.
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