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Wie aufwendig wäre eine Braunkohlevergasung ?

Von Dieter Herrmann
(
Dieter.Herrmann@energie-fakten.de, Lebenslauf)D. Herrmann

Frage

Im Zuge eines Energieträgerwechsels hin zu mehr Erdgas-Verbrauch könnte man nicht nur über die Biogaseinspeisung ins Erdgasnetz nachdenken, sondern an eine Braunkohlevergasung und Einspeisung des auf Erdgasqualität gebrachten Synthesegases.

Die bestehenden Braunkohlekraftwerke sind gewaltige Blöcke, die in Tagebaunähe Braunkohle verstromen. Daher sind oft nur wenig Wärmeabnehmer für die Nutzung der Kraft-Wärme-Kopplung vorhanden.

Wäre eine zentrale Braunkohlevergasung und eine dezentrale Verstromung in KWK-Anlagen mit angegliederten Nahwärmenetzen denkbar? Dies würde auch die Abhänigkeit von Methan-Importen verringern.

In der Braunkohle ist zudem soviel Wasser drin, dass man sich eine Zugabe von H20 für eine Dampfreformierung sparen könnte.

Antwort

Bei näherem Hinsehen erweist sich Ihre Frage als so komplex und von jeweils unterstellten Ausgangs- und Randbedingungen abhängig, dass eine hinreichend allgemeingültige direkte Antwort schlechthin nicht möglich ist. Vielleicht aber helfen Ihnen einige indirekte Aussagen zum Thema auch schon ein Stück weiter.

Technisch wäre Ihr Vorschlag grundsätzlich realisierbar. So ist z. B. in der ehemaligen DDR Braunkohlevergasung bis zuletzt nicht nur im großen Stil betrieben, sondern technologisch auch weiterentwickelt worden. Grundlage bildeten jeweils relativ hochwertige Braunkohlen mit geringem Aschegehalt, während die minderwertigeren in Kraftwerken eingesetzt wurden. Zielprodukt war vor allem Stadtgas, das bei rund einem Drittel des Heizwertes von Erdgas landesweit verteilt und sowohl für die Bereitstellung von Prozesswärme in der Industrie als auch zum Kochen und für die Warmwasserbereitung in Haushalten eingesetzt wurde. Für die Raumheizung war der Einsatz des aufwändig hergestellten und verteilten Gases staatlich reglementiert und limitiert. Unter marktwirtschaftlichen Bedingungen erwies sich diese Braunkohlevergasung als nicht konkurrenzfähig. Sie wurde zu Gunsten von Erdgas aufgegeben.

Unter den Bedingungen stark wachsender Öl- und Gaspreise ist es aber grundsätzlich richtig darüber nachzudenken, ob nicht wieder stärker auf heimische Ressourcen wie Braunkohle gesetzt werden kann. Allerdings könnte dabei nur sehr bedingt auf bisherige Technologien, Erfahrungen sowie technische Systeme und Infrastruktur zurückgegriffen werden. Und wenn es mehr als einige Versuchs- und Demonstrationsanlagen gehen sollte - so habe ich Ihren Vorschlag verstanden - liefe das Ganze sowohl auf den kompletten Neuaufbau der Braunkohlevergasung als auch eine bedeutende Erweiterung der Braunkohlegewinnung hinaus. Was letzteres bedeutet, zeigt bereits eine ganz einfache Überlegung: Der Anteil von Erdgas an der Deckung des gegenwärtigen Primärenergiebedarfs in Deutschland ist doppelt so groß wie jener der Braunkohle. Um z. B. lediglich 10 % des gegenwärtigen Erdgasverbrauchs durch Braunkohle zu ersetzen, müsste die Braunkohleförderung rein vom Energieinhalt her um 20 % erhöht werden. Berücksichtigt man noch die Umwandlungswirkungsgrade bei der Vergasung bis einschließlich Konversion zu Methan, werden aus jenen 20 % mehr Braunkohle 30 - 40 %. Wer je exzessive Braunkohlenutzung erlebt hat weiß, welche Probleme daran hängen, und dass dies zumindest keine schnelle Lösung sein kann.

Vermutlich möchten Sie aber gar keine Erweiterung der Braunkohlenutzung, sondern wollen heutige Braunkohlekraftwerke in Kohlevergasungsanlagen umwandeln. Eine solche Überlegung hätte ihren Charme, weil auf vorhandene langlebige Anlagen und Strukturen aus der Braunkohleverstromung zurückgegriffen werden könnte. Bei gleichem Umfang des Ersatzes von Erdgas fehlen dann aber 30 – 40 % der Stromerzeugung aus Braunkohle. Das wären über 10 %  der gesamten Stromerzeugung bzw. bis zu 20 % der Grundlast. Hierfür müsste zunächst Ersatz geschaffen werden, was in solchen Dimensionen praktisch nur auf Basis Kernenergie und keinesfalls „von heute auf morgen“ möglich ist. Dezentrale Kraft-Wärme-Kopplung scheidet für Grundlastdeckung weitgehend aus, da diese wegen der begrenzten wirtschaftlichen Speicherbarkeit von Strom und Wärme entweder nach dem Lastgang des Wärmebedarfs gefahren werden, oder auf den Vorteil gekoppelter Erzeugung verzichten müsste. Schließlich wäre bei diesem Ansatz eine Anpassung der Vergasungstechnologien sowohl an die Spezifika früherer Braunkohlekraftwerke als auch an die an diesen Standorten verfügbaren Kohlequalitäten erforderlich.

Dieser Beitrag wurde am 29. Juni 2006 veröffentlicht.

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