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Ist E 10 nun ein Beitrag zum Klimaschutz oder nicht?
Veröffentlicht: 13. April 2011

Ist E10 nun ein Beitrag zum Klimaschutz oder nicht?

Manfred Popp
Prof. Dr. M. Popp
 
Prof. Popp
Zu Besuch in der Bioliq®-Anlage des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) mit Prof. Dr. M. Popp
Video (2:33 Min)
 
Von
Manfred Popp (Manfred.Popp@energie-fakten.de)

Antwort

Angesichts widersprüchlicher Bewertungen durch Experten haben mehrere unserer Leser nach den Fakten gefragt, hier sind sie:

Mit der 10. Verordnung über die Beschaffenheit … von … Kraftstoffen zum Bundes-Immissionsschutzgesetz, die am 14.12.2010 in Kraft trat, wurde die Beimischungsgrenze für Ethanol im Benzin von 5 % auf 10 % erhöht. Der neue Kraftstoff E 10 ist seit einigen Wochen an den Tankstellen verfügbar, wird jedoch nur von wenigen Autofahreren angenommen. Soweit dies aus Sorge um die Verträglichkeit mit dem eigenen Auto erfolgt, müssen wir auf die Hersteller verweisen. [Links: siehe unten] Aber auch der Umwelt-Vorteil ist umstritten. Das liegt daran, dass es keine genauen Öko- oder Energiebilanzen zu E10 gibt. Es kann sie auch nicht geben, weil die Energieeffizienz der Biomasse, die ja nur einen geringen Energieinhalt pro Masse bzw. Volumen aufweist, sehr stark von den individuellen Bedingungen abhängt, unter denen sie produziert, transportiert und verarbeitet wird. In ungünstigen Fällen, etwa bei Rapsöl, kann die Energiebilanz negativ werden, dann würden also in die Produktion mehr fossile Energien investiert als das Produkt nachher ersetzen könnte. Unter normalen Marktbedingungen kann so etwas natürlich nicht passieren, weil das Produkt dann unwirtschaftlich würde. Hier haben wir es aber mit dem Agrarsektor zu tun, der hoch subventioniert wird, weshalb die Kosten auch kein realistisches Bild über die Effizienz abgeben. Deshalb hat die Bundesregierung 2009 die „Verordnung über Anforderungen an eine nachhaltige Herstellung von Biokraftstoffen“ erlassen, nach der die Erzeuger nachweisen müssen, dass ihr Bioethanol ein Treibhausgas-Minderungspotential von mindestens 35 % aufweist.

Für E 10 ergibt sich daraus eine CO2-Ersparnis von mindestens 3,5 %, die allerdings noch gemindert wird durch den Mehrverbrauch von ca. 1,5 %, den die Beimengung verursacht. Da dieser zu 90 % auf normales Benzin entfällt, reduziert sich die Einsparung, die man garantieren kann, auf rund 2 %. Im Mittel mag der Wert etwas höher liegen. Lohnt sich der ganze Aufwand für so wenig Ertrag? Oder müssen wir froh sein über jeden noch so kleinen Beitrag zum Klimaschutz? In jedem Fall ist E10 aber mit weiteren Nachteilen verbunden:

  • Das zu 10 % beigemischte Bio-Ethanol wird zu 66 % aus Getreide, zu 33 % aus Zuckerrüben und zu 1 % aus Zuckerrohr gewonnen; es ist also, einfach gesagt, ein hochprozentiger Schnaps aus Korn und Zuckerrüben. Moralisch bedenklich ist, dass dieser Bio-Sprit der 1. Generation vollständig aus Nahrungsmitteln erzeugt wird. Solange auf der Erde 1 Milliarde Menschen Hunger leidet und alle 3 Sekunden ein Mensch, meistens noch als Kind, an Hunger stirbt, ist es da verantwortbar, Nahrungsmittel in Sprit für unsere Autos zu verwandeln, nur um sie dadurch ein wenig klimaverträglicher zu machen? Längst ist der Nahrungsmittelmarkt globalisiert und auch zum Spekulationsobjekt der Finanzmärkte geworden. Jüngste Folge sind dramatische Preissteigerungen, vor allem bei Weizen, die natürlich die Ärmsten der Armen besonders hart treffen. Kann man wirklich ausschließen, dass eine neue Nachfrage nach Getreide für Bio-Sprit die Preise nicht weiter nach oben treibt?
  • Durch die Entwicklung noch modernerer Motoren kann der Spritverbrauch weitaus effizienter gesenkt und damit dem Klimaschutz besser gedient werden. Diese künftige Motoren-Generation kann aber mit E10 nicht betrieben werden, nicht einmal mit reinem Raffinerie-Benzin. Sie benötigt Designer-Brennstoffe, die nur aus Erdgas oder mit fortschrittlichen Verfahren aus Biomasse gewonnen werden können.

Die Entwicklung des Biosprits der 2. Generation ist weit fortgeschritten; zur Zeit wird die Technologie in großen Versuchsanlagen erprobt. Das modernste Beispiel dafür ist BIOLIQ, das im Karlsruher Institut für Technologie entwickelt wird. Es hat bezogen auf das jetzt beigemengte Bio-Ethanol drei entscheidende Vorteile:

  1. BIOLIQ wird für die Nutzung von Abfällen aus der landwirtschaftlichen Produktion entwickelt, vermeidet also die Konkurrenz zu Nahrungsmitteln. In Deutschland würden die ohnehin erzeugten Abfälle, die oft ein Entsorgungsproblem darstellen, ausreichen, um 5 – 10 % des Benzins zu ersetzen. Am Anfang konzentriert sich BIOLIQ auf Stroh, wegen seines hohen Aschegehalts und niedrigen Energieinhalts ein besonders problematischer Brennstoff.
  2. BIOLIQ ist ein zweistufiges Verfahren. Die erste Stufe besteht aus vielen dezentralen Pyrolyse-Anlagen, die einen Einzugsbereich von 20 bis 30 km haben, sodass weite Transporte des Strohs vermieden werden können, die die Energiebilanz sonst stark belasten würden. In diesen Anlagen entsteht ein sogenannter Slurry, eine Rohöl-ähnliche, zähe Flüssigkeit, die sich in Tankwagen sammeln und effizient zur Weiterverarbeitung transportieren lässt.
  3. In einer zentralen Anlage wird aus dem Slurry Synthesegas erzeugt, aus dem dann genau der Brennstoff hergestellt werden kann, den etwa ein künftiger Benzin-Motor mit Direkteinspritzung benötigt.

Mit einem Brennstoff, der nicht aus Nahrungsmitteln gewonnen wird und der statt Mehrverbrauch zu verursachen effizientere Motoren ermöglicht, wäre die Markteinführung von Bio-Sprit sicher besser angelaufen als mit E 10.

Siehe auch:

Eine Langfassung diese Textes ist nicht geplant.
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