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Veröffentlicht: April 2004

Wann kommt das Ende der Verbrennung?

Von Eike Roth
(
Eike.Roth@energie-fakten.de, Lebenslauf)

Eike RothDas Problem

Seitdem wir fossile Energieträger (Kohle, Öl und Gas) in großem Maßstab verbrennen, reichert sich ihr Verbrennungsprodukt, das CO2, immer stärker in der Atmosphäre an. Die Konzentration hat sich seit Beginn der Industrialisierung bereits um über 30 % erhöht (von 280 ppm - millionstel Volumenanteile - auf 380 ppm) und sie steigt rasch weiter. Nach Meinung der Mehrzahl der Klimatologen wird diese Störung der Zusammensetzung der Atmosphäre das Klima auf der Erde gravierend verändern, mit möglicherweise katastrophalen Folgen für sehr viele Menschen. Eine Reduktion der CO2-Freisetzung ist daher dringend erforderlich. Solange es aber keine Möglichkeit gibt, das CO2 abzutrennen, aufzufangen und gezielt zu lagern, können wir diese Reduktion nur durch eine entsprechende Reduktion der Verbrennung der fossilen Energieträger erreichen.

Das führt zu einer Reihe von Fragen: Wann müssen wir diese Verbrennung überhaupt einstellen? Wie viel der nur beschränkt vorhandenen Kohle-, Öl- und Gasvorräte werden bis dahin verbrannt sein und wie viel bleibt noch für andere Verwendungszwecke (z. B. in der Chemie- und Pharmaindustrie) übrig? Wie muss eine Politik aussehen, mit der die Vorgaben der Klimaexperten erreicht werden können?

Anforderungen

Um die Konsequenzen der CO2-Zunahme in der Atmosphäre in vielleicht noch tolerablen Grenzen zu halten, fordern die meisten Klimatologen eine Reduktion der anthropogenen CO2-Freisetzungen bis etwa Mitte dieses Jahrhunderts auf ein Drittel des heutigen Wertes (weltweit, in den Industrieländern muss die Reduktion noch wesentlich höher ausfallen). Im selben Ausmaß muss auch die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas verringert werden. Da wir heute (mit stark steigender Tendenz!) 12 Milliarden Tonnen Steinkohleeinheiten (Mrd. t SKE) pro Jahr an fossilen Energieträgern verbrennen, dürfen es in 50 Jahren nur mehr 4 Mrd. t SKE pro Jahr sein. Diese 4 Mrd. t pro Jahr dürfen wir dann aber – jedenfalls aus Klimaschutzgründen und nach unserem heutigen Wissensstand – beliebig lange weiter verbrennen. Aus Klimaschutzgründen gibt es kein Ende der Verbrennung, sondern nur eine starke Reduzierung.

Vorräte und Reichweiten

Wie viel Kohle, Öl und Gas verbrannt sein werden, bis wir den Zustand mit nur noch einem Drittel der heutigen CO2-Freisetzungen erreichen, hängt vor allem davon ab, wann wir diesen Zustand wirklich erreichen und wie sehr die Verbrennung zunächst noch zunehmen wird, bevor sie dann reduziert werden kann. Aus heutiger Sicht könnten die Welt-Erdölvorräte (einschließlich bisher noch nicht entdeckter Vorkommen) bis dahin langsam aufgezehrt sein (obwohl eine echte Verknappung eher unwahrscheinlich ist), die Erdgasvorräte dürften immer noch beachtlich sein und von der Kohle wird sicher noch der Großteil übrig bleiben. Natürlich werden die Vorräte allmählich knapper und es wäre grundsätzlich besser, Kohle, Öl und Gas für andere Zwecke zu verwenden (Chemie), als sie unwiederbringbar durch den Schornstein zu jagen. Aber aus heutiger Sicht wird ihr Einsatz insgesamt sehr viel früher durch die Klimaproblematik begrenzt als durch ihre Verfügbarkeit.

Reicht die Reduktion auf ein Drittel?

Allerdings, wie schon angegeben, dürfen aus Klimagründen die fossilen Energieträger in kleinem Ausmaß auch weiterhin verbrannt werden. Einem langsamen Verbrauch setzt das Klima keine Grenzen, das tun nur unsere anderen Bedürfnisse (andere Verwendungszwecke). Diese „Klimazulässigkeit“ auf reduziertem Niveau mag auf den ersten Blick überraschen, denn wenn auch nur mehr ein Drittel der CO2-Menge freigesetzt wird, ist das immer noch recht viel. Und dieser anthropogenen (vom Menschen gemachten) Freisetzung stehen bekanntlich keine anthropogenen Senken gegenüber, in denen das CO2 aufgefangen oder umgewandelt wird. Wir entnehmen der Atmosphäre kein CO2 und wir kennen auch keinen technischen Prozess, mit dem das energetisch sinnvoll möglich wäre. Die Zulässigkeit kommt vielmehr aus einer anderen Überlegung: Mit zunehmender CO2-Konzentration in der Atmosphäre nimmt auch die Stärke der natürlichen CO2-Senken zu. Sowohl die Pflanzen wachsen bei erhöhter CO2-Konzentration schneller (wobei sie über die Foto-Assimilation mehr CO2 verbrauchen), als auch die Ozeane können dann mehr CO2 aus der Luft lösen. Durch diese bei erhöhter CO2-Konzentration verstärkt ablaufenden natürlichen Entnahmeprozesse wurde bisher stets etwa die Hälfte der vom Menschen in die Atmosphäre freigesetzten CO2-Menge gleich wieder aus ihr entfernt (der Rest sammelte sich in der Atmosphäre an). Das ist auch heute noch so. Allerdings ist die Besorgnis nicht von der Hand zu weisen, dass sowohl die Foto-Assimilation der Pflanzen als auch die Lösung von CO2 im Meer zukünftig nicht mehr im gleichen Ausmaß mithalten können. Die CO2-Aufnahme in den Pflanzen vielleicht deshalb nicht, weil die Pflanzen zum starken Wachsen auch genügend Bewässerung und ein ausreichendes Nährstoffangebot brauchen und die Lösung von CO2 im Meerwasser vielleicht deshalb nicht, weil das über den Treibhauseffekt erwärmte Wasser nicht so viel CO2 aufnehmen kann (die Löslichkeit von Gasen in Flüssigkeiten sinkt generell mit zunehmender Temperatur). Ob dann, wenn wir die Freisetzung von CO2 auf ein Drittel reduziert haben (sofern uns das je gelingen wird), die dann wirksamen Senkenfunktionen ausreichen werden, um die atmosphärische CO2-Konzentration konstant zu halten, kann heute niemand mit ausreichender Sicherheit voraussagen.

Aus Klimagründen ist es aber vielleicht auch gar nicht notwendig, die CO2-Konzentration in der Atmosphäre wirklich konstant zu halten. Das Klima hat sich immer geändert und es wird sich auch weiterhin immer ändern. Geschieht das langsam genug, sollten katastrophale Auswirkungen ausbleiben. Mit langsamen Klimaänderungen können wir höchstwahrscheinlich einigermaßen gut zurecht kommen, nur zu schnelle Klimaänderungen müssen zuverlässig vermieden werden. Wir wissen über die Klimazusammenhänge unseres Planeten noch viel zu wenig, aber eine laufende CO2-Freisetzung im Ausmaß eines Drittels des heutigen Wertes könnte durchaus tolerabel sein. Jedenfalls ist das der Wert, auf den sich – wie gesagt - die meisten Experten als vorzugebenden Grenzwert geeinigt haben.

Politik

Und wie muss nun die Politik ausschauen, mit der diese Reduzierung der CO2-Freisetzungen bis Mitte dieses Jahrhunderts auch tatsächlich erreicht werden kann? Theoretisch ist das ganz einfach. Allerdings muss man vorher klären, welche technischen Mittel denn überhaupt hinreichend zuverlässig zur Zielerreichung zur Verfügung stehen und welche Wechselwirkungen zu anderen, auch dringend zu lösenden Problemen bestehen. Zu letzteren gehört vor allem das Problem des verbreiteten Hungers und Elends in der Welt, das vom Klimaproblem nicht zu trennen ist. Armut erschwert die Lösung des Klimaproblems und Klimaänderungen verstärken die Armut. Aber auch Ozonloch und Wasserverknappung seien als Stichworte genannt. All diese Probleme (und noch einige mehr) lassen sich nur gemeinsam lösen, oder wir werden eine hinreichende Lösung gar nicht erreichen.

Was die technischen Mittel betrifft, so gibt es keine konsistente Lösung des Klimaproblems (und der anderen genannten Probleme) ohne einen substantiellen Beitrag der Kernenergie. In der veröffentlichten Meinung und von manchen ideologisch vorgeprägten Autoren wird das zwar immer wieder anders dargestellt, aber bei nüchterner, fachlich fundierter Betrachtung ist eine Problemlösung auf Basis von Sparen und regenerativen Energieformen alleine in ausreichender Zeit völlig unrealistisch. Auch wenn es derzeit unpopulär ist, es muss um der Sache willen ausgesprochen werden: Nur mit einem deutlich verstärkten Einsatz der Kernenergie haben wir überhaupt eine reale Chance zur Problemlösung. Wer das nicht zur Kenntnis nehmen will, riskiert das Scheitern schon vom Ansatz her.

Damit ist aber auch die Frage nach der erforderlichen Politik schon beantwortet: Sie muss vor allem auf Aufklärung setzen und Mut zeigen. Sie darf nicht mehr einseitig die Risiken der Kernenergie betonen, sondern sie muss die Notwendigkeit eines Risikovergleichs herausstreichen und sie muss dafür sorgen, dass dieser Vergleich auf der Basis der Fakten und nicht von Vorstellungen oder Vorlieben gemacht wird. Dann kann die weit verbreitete überzogene Furcht vor der Kernenergie abgebaut werden und die Probleme werden einer Lösung zugeführt werden können. Letztlich entscheidet die Politik, ob wir Erfolg haben oder versagen werden. Die Technik hat die Lösungsmittel bereitgestellt, die Politik muss nun die Basis für ihre Nutzung schaffen.

Fazit

Ein Ende der Verbrennung wird es wahrscheinlich nie geben. Wohl aber muss eine drastische Reduzierung herbeigeführt werden, die vermutlich nur mit einer Änderung der bisherigen Politik erreicht werden kann. Andernfalls leben wir von der Hoffnung, dass sich die Mehrzahl der Klimaexperten irrt und das Klima doch nicht vom Menschen beeinflusst wird.

Links zu ergänzenden Energie-Fakten-Beiträgen:

Literatur

  • "Globale Umweltprobleme - Ursachen und Lösungsansätze" von Eike Roth
    Friedmann Verlag München 2004, ISBN -933431-31-X,
    (erhältlich z.B. bei Amazon.de und bol.de)

Diese Antwort entstand auf die Frage eines Lesers im Januar 2005.

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