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 Veröffentlicht: 27. August 2002.

Stimmt es, dass beim Strom mehr als zwei Drittel Energieverluste entstehen?

Von Joachim Grawe
(
Joachim.Grawe@energie-fakten.de)Grawe

Antwort

Strom (elektrische Energie) ist eine besonders edle Energieform. Er kann nämlich praktisch verlustfrei in andere Energieformen wie etwa Kraft und Wärme umgewandelt werden.

Andererseits muss Strom (wie z. B. auch Fernwärme und Wasserstoff) erst aus fossilen, nuklearen oder regenerativen Energieträgern bzw. Energiequellen erzeugt und mit Hilfe von Freileitungen oder unterirdisch verlegten Kabeln zum Ort des Anwenders übertragen („transportiert“) werden. Dabei entstehen zwangsläufig Verluste. Diese betrugen in der Tat bis vor etwa 20 Jahren noch mehr als zwei Drittel der ursprünglich aufgewandten Energie.

Heute weist der vorhandene Kraftwerkspark aus Kohle-, Öl- und Gaskraftwerken einen durchschnittlichen Wirkungsgrad der Energieumwandlung von 38 % auf. Moderne Kohlekraftwerke kommen an 45 % heran. Kombinierte Gas- und Dampfturbinenanlagen (GuD-Anlagen) auf Erdgasbasis erreichen sogar 55 %. Weitere Steigerungen sind bei künftigen Neubauten zu erwarten. Bei den Anlagen zur Stromerzeugung aus Kernenergie und Biomasse kommt es auf den Wirkungsgrad nicht so sehr an. Denn die für sie genutzten Energie-Rohstoffe sind weder knapp noch kostbar, und die Versorgungssicherheit bei diesen ist hoch. Wasserkraftwerke haben einen sehr hohen Wirkungsgrad. Für ihren Betrieb wie für den von Wind- und Solarzellenanlagen werden keine Energie-Rohstoffe benötigt.

Die Leitungsverluste konnten in den letzten Jahrzehnten ebenfalls drastisch gesenkt werden. Sie betragen heute bei den großen Überlandleitungen (220.000 und 380.000 Volt) etwa ein Prozent, bei den regionalen Mittelspannungsleitungen (30.000 bis 110.000 Volt) rd. zwei Prozent und bei den örtlichen Verteilungsleitungen knapp fünf Prozent. Alle Leitungsverluste zusammen addieren sich auf 4,3 %.

Damit ergibt sich: Zwar bringt die für die moderne Gesellschaft unentbehrliche Stromversorgung immer noch gut 60 % Verluste an (fossiler) Einsatzenergie mit sich. Aber dieser Anteil sinkt laufend mit der weiteren Erhöhung der Kraftwerks-Wirkungsgrade und mit dem wachsenden Anteil von Strom aus regenerativen Energien. Er wird auf einen Wert nahe der physikalisch-technischen Grenze (etwa 50 %) zurückgehen. Im übrigen ist der Grad der Energieausnutzung allein kein geeigneter Maßstab für die Bewertung von Maßnahmen. Es geht immer um die Gesamt-Optimierung (Energieeinsatz, Verbrauch nicht-energetischer Rohstoffe, Kapitalaufwand, Umwelt-Effekte usw.).

Entscheidend ist aber: Man darf nicht einen einzigen Prozess der gesamten Umwandlungskette, z. B. die Stromerzeugung, herausgreifen. Vielmehr müssen die Energieverluste auf allen Stufen, von der Gewinnung der Energie-Rohstoffe über Bau, Betrieb und Abriss der Anlagen bis zur Entsorgung ermittelt und kumuliert werden. Dabei zeigt sich: Beim Einsatz von Strom sind die Gesamtverluste bis zum Verbraucher häufig niedriger als bei anderen Energieträgern wie Heizöl oder Wasserstoff. Ein eklatantes Beispiel ist die Elektrowärmepumpe.

Siehe auch:

Diese Antwort entstand auf eine Frage eines Lesers im August 2002. Eine Langfassung ist nicht geplant.

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