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 Veröffentlicht: November 2003.

Wieviel gibt der Betreiber eines Kernkraftwerks jährlich für die Entsorgung aus?

Von Joachim Grawe
(
Joachim.Grawe@energie-fakten.de)Grawe

 

Gern beantworte ich Ihre Frage. Aber eine Zahl werde ich erst am Schluss nennen. Denn sie hat eigentlich allein stehend keine Aussagekraft. Lassen Sie mich das an einem einfachen Beispiel verdeutlichen: Ihre Tochter erzählt Ihnen: "Mama, ich habe für 250 Euro eingekauft. Das war doch günstig, nicht wahr?" Die Frage können Sie bei dieser kargen Information nicht beantworten. Sie müssen erst zweierlei wissen: Was hat Ihre Tochter für die 250 Euro bekommen? Und wie teuer wäre der gleiche Einkauf woanders gewesen? Erst dann lässt sich beurteilen, ob es sich um einen günstigen oder eher teuren Einkauf gehandelt hat.

So ist es auch hier. Der Betrag, den der Betreiber eines Kernkraftwerks (oder – wie E.ON Energie – mehrerer Kernkraftwerke) jährlich für die Entsorgung ausgibt, hängt gewissermaßen in der Luft, wenn man nicht erfährt, was das Unternehmen dafür erhalten hat. Dazu jetzt ein paar Zahlen:

Ein großes Kernkraftwerk (also nicht das kleine Stade) erzeugt im Jahr durchschnittlich 11 (elf) Milliarden Kilowattstunden Strom. Dabei entstehen (einschließlich Verpackung) rd. 60 Kubikmeter hochaktiver Abfall. Das entspricht dem Inhalt (Volumen) eines Würfels von knapp 4 (vier) Meter Kantenlänge. Dazu kommen mittel- und leichtaktiven Abfälle, die keine Wärme abstrahlen und entsprechend unproblematisch sind, z.  B. verbrauchte Filter, Waschwasser und Ähnliches. Ihre Menge (Volumen) ist anfänglich deutlich größer. Sie lässt sich aber stark reduzieren, z. T. bis auf ein Hundertstel (Eindampfen von Waschwasser).

Die gesamten Erzeugungskosten je Kilowattstunde Atomstrom betragen etwa 1,5 Cent bei den vorhandenen (weitgehend abgeschriebenen) Kernkraftwerken und knapp 3 (drei) Cent bei einem neu zu bauenden Kernkraftwerk. Sowohl die heutigen wie die etwaigen künftigen Kernkraftwerke stellen damit in der sogenannten Grundlastversorgung „rund um die Uhr“ die günstigste Art der Stromerzeugung dar (übrigens auch die ressourcenschonendste und – zusammen mit Windkraftwerken – die umweltverträglichste). Von den 1,5 Cent (bzw. bei neuen Kernkraftwerken 3 Cent) entfallen 0,35 Cent auf die Entsorgung.

Wenn Sie nun die spezifischen Entsorgungskosten 0,35 Cent je Kilowattstunde mit der Zahl der Kilowattstunden multiplizieren, kommen Sie auf die gesamten jährlichen Entsorgungskosten. Bei einem großen Kernkraftwerk belaufen sie sich demnach auf etwa 38 Millionen Euro. Diese bestehen überwiegend in echten gegenwärtigen Ausgaben, teilweise aber auch in Rückstellungen für erst künftig anfallende Kosten (für das Endlager, soweit dafür nicht schon jetzt Vorauszahlungen zu leisten sind).

Es macht nun wenig Sinn, die Entsorgungskosten (als einen willkürlich herausgegriffenen Teil der Kosten) verschiedener Kraftwerksarten einander gegenüberzustellen. Verglichen werden müssen jeweils die gesamten Stromerzeugungskosten. Bei einem Kraftwerk sind die Kapitalkosten hoch, bei dem anderen die Brennstoffkosten, bei dem dritten die Entsorgungskosten. Aber erst ihre Addition ergibt eine korrekte Vergleichsbasis.

Übrigens: Alle Kraftwerke sind natürlich bemüht, den erzeugten Strom zu einem möglichst deutlich über den reinen eigenen Kosten liegenden Preis an die Unternehmen zu verkaufen, die dann die Stromkunden wie Sie und mich beliefern. Auf deren Einkaufspreis für die "nackten" Kilowattstunden werden die Kosten für die Fernübertragung und die Verteilung, die Messung und Abrechnung, die Verwaltung, den Störungsdienst usw. aufgeschlagen. Mehr Information zu diesem letzten Punkt finden Sie bei den „Energie-Fakten.de“ unter Wie setzen sich die Strompreise zusammen?.

Diese Antwort entstand auf die Frage eines Lesers im November 2003.

Siehe auch

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