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Wie kommt es, dass sich Befürworter und Gegner einer Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke gleichermaßen auf das jetzt der Bundesregierung vorgelegte Gutachten berufen können?
Veröffentlicht: 2. September 2010, aktualisiert: 8. Okt. 2010

Wie kommt es, dass sich Befürworter und Gegner einer Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke gleichermaßen auf das jetzt der Bundesregierung vorgelegte Gutachten berufen können?

Manfred Popp
Prof. Dr. M. Popp
Von
Manfred Popp (Manfred.Popp@energie-fakten.de)

Antwort

Das Gutachten, das EWI, GWS und PROGNOS (s.u.) in dieser Woche vorgelegt haben, hatte die Bundesregierung angefordert, um durch Szenarienrechnungen eine Grundlage für ihr Energiekonzept zu erhalten. Es geht vor allem um die Frage, wie und mit welchen Folgen für die Gesamtwirtschaft oder einzelne Gruppen die Klimaschutzziele der Bundesregierung umgesetzt werden können, die bezogen auf 1990 bis 2020 eine CO2-Einsparung von 40 % und bis 2050 sogar von 85 % vorsehen. Anders als man aufgrund der Berichterstattung denken könnte geht es also nicht nur um die Kernenergie; die ehrgeizigen Ziele der Bundesregierung laufen vielmehr auf einen kompletten Umbau des deutschen Energiesystems hinaus. Deshalb wäre es durchaus angemessen gewesen, den anderen Aussagen der Studie mehr Gewicht beizumessen, denn die hier angesprochenen Maßnahmen werden unser Leben in vielen Sektoren einschneidend verändern.

Die wichtigsten Aussagen sind kurz zusammengefasst:

Die Szenarienrechnungen zeigen innerhalb einer weiterhin durch Wachstum geprägten Volkswirtschaft zahlreiche Maßnahmenpakete, mit denen das Ziel einer 85 %igen Verringerung klimarelevanter Treibhausgase aus dem Energiesektor zwischen 1990 und 2050 insgesamt erreicht werden kann. Das rechnerische Ergebnis sagt aber noch nichts darüber aus, wie realistisch die Zielerreichung in der Praxis ist. Dafür nennen die Autoren drei Grundvoraussetzungen:

  1. Ein völkerrechtlich verbindliches Klimaschutzabkommen ist absolut unverzichtbar. Andernfalls würde die Klimaschutzpolitik durch internationale Wettbewerbsnachteile bestraft, deren Folgen auf das Wirtschaftswachstum und die Arbeitsplätze zu einer Abkehr von den ehrgeizigen Zielen führen würde.
  2. National ist ein Konsens über Ziele und Maßnahmen eines anspruchsvollen Klimaschutzes erforderlich. Regierung und Parlament müssen Regelungen treffen, die dafür sorgen, dass das Erreichen der energiepolitischen Ziele im Interesse des Einzelnen liegt. Ohne eine klar ausgerichtete Politik und ihre gesellschaftliche Verankerung dürfte die Umsetzung ins Stocken geraten, wenn sie mit Nachteilen für gut organisierte gesellschaftliche Gruppen verbunden ist.
  3. Ohne technologische Innovationen sind die in den Szenarien angenommenen Effizienzsteigerungen und Systemanpassungen nicht im erforderlichen Umfang realisierbar. Es sind also erhebliche Produkt-, Prozess- und Systeminnovationen erforderlich, vor allem auch für die Speicherung von Strom und Wärme. Dies ist angesichts des unbefriedigenden Fortschritts in den zurückliegenden 35 Jahren seit Beginn der staatlichen Förderung der Energieforschung keine triviale Forderung.

Aus dem umfangreichen Maßnahmenpaket heben die Autoren der Studie drei Beispiele hervor, die die Intensität des notwendigen Umbaus verdeutlichen sollen:

  • Eine umfassende und tiefgreifende Sanierung des Gebäudebestandes ist unumgänglich. Dazu müssen die Vorschriften entsprechend verschärft aber auch neue Modelle zur Unterstützung einer Generationen-übergreifenden Finanzierung entwickelt werden, weil sich diese Investitionen erst über sehr lange Zeiträume amortisieren. Auch müssen Lösungen zur Umlage der Investitionskosten auf die Mieter gefunden werden, weil ja nicht der Vermieter sondern der Mieter von niedrigeren Heizkosten profitieren wird.
  • Die Szenarien sehen einen „weitgehenden“ Ersatz der heutigen Autos durch Elektrofahrzeuge vor. Dazu sind noch viele Entwicklungsfortschritte in den Bereichen Energiespeicherung und Leichtbau erforderlich. Trotz der gescheiterten Markteinführung von Brennstoffzellenfahrzeugen in den 90er Jahren sind die Autoren der Studie optimistisch, sehen aber eine breite Einführung von Elektrofahrzeugen noch als ungesichert an.
  • In allen Szenarien kommt es zu stärkeren Stromimporten aus dem Ausland (aus Kernkraftwerken oder Windenergie) und zu einem steigenden Anteil erneuerbarer Energiequellen in der Stromversorgung. Beides zwingt zu einem Ausbau der Netze auf europäischer Ebene.

Darüber hinaus muss aber noch auf weitere wichtige Annahmen hingewiesen werden, ohne die die Ziele nicht erreicht werden können:

  • Die Autoren erwarten eine Verminderung des Endenergieverbrauchs bis 2050 um 43 %. Dies setzt erhebliche weitere Effizienzgewinne voraus, die in dieser Größenordnung, auf dem heute bereits erreichten Stand aufbauend, keinesfalls selbstverständlich sind.
  • Die Autoren rechnen bis 2050 mit Stromimporten von 22 % – 31 %. Dies setzt nicht nur einen entsprechenden Ausbau der europäischen Netze voraus sondern auch die Bereitschaft unserer Nachbarländer, in etwa das Äquivalent der heute installierten Kernkraftwerksleistung für unseren Bedarf zu errichten und zu betreiben. Sie unterstellen in ihren Szenarien dabei, dass dieser Importstrom aus CO2-freien Quellen kommt, also aus Wind oder Kernenergie; tatsächlich hat man aber auf den als Import verfügbaren Energiemix keinen Einfluss, es sei denn, deutsche Unternehmen beteiligten sich in erheblichem Umfang an Anlagen im Ausland. Die Annahme hoher Stromimporte in den Szenarien lässt auch die Möglichkeit zu, dass ein erheblicher Teil unseres Stroms weiterhin aus Kernkraftwerken stammt, da die Entscheidung darüber, welche CO2-freien Energien eingesetzt werden, in den exportierenden Ländern getroffen wird.
  • Ab 2025 wird mit der Marktreife des Abtrennens von CO2 aus dem Abgas von Kohlekraftwerken (CCS) gerechnet. Dabei ist erst nach Durchführung der derzeit laufenden Versuchsprojekte entscheidbar, ob die Effizienz der Rückhaltung in geologischen Lagern über mindestens tausend Jahre ausreichend groß ist, um die großen Wirkungsgradverluste in den Kraftwerken und die hohen Kosten zu rechtfertigen.

Insgesamt halten die Autoren das Erreichen der Ziele für möglich, können aber über den Zeitraum von 40 Jahren keine Wahrscheinlichkeit dafür angeben. Langfristig (ab 2030) könnten sich nach ihrer Auffassung bei Umsetzung dieser Politik „leicht positive“ gesamtwirtschaftliche Effekte ergeben, doch könnten die Belastungen Einzelner deutlich höher ausfallen.

Und die Kernenergie?

Hier lautet das Fazit: „in der mittleren Frist sind längere KKW-Laufzeiten … eine Möglichkeit, die gesamtwirtschaftlichen Kosten gering zu halten.“ Dieser Aussage kann man natürlich unterschiedliches Gewicht verleihen. Deshalb ist es wichtig, die anderen Aussagen des Gutachtens zu kennen. Denn die Gutachter betonen, dass ein Ausfall einer Maßnahme durch Verschärfung der anderen kompensiert werden müsse. Ohne Laufzeitverlängerung müssten die anderen Systemeingriffe also noch tiefgreifender ausfallen. Darauf stützen sich die Befürworter einer Laufzeitverlängerung. Allein kann die Kernenergie aber bis 2020 das Problem auch nicht lösen und für die Ziele für 2050 spielt sie keine Rolle mehr, da eine Laufzeitverlängerung über mehr als 20 Jahre oder gar ein Neubau von Kernkraftwerken nicht zur Diskussion stehen. Darauf stützen sich die Gegner.

Die Verkürzung der Berichterstattung auf das Thema Kernenergie ist bedauernswert: die Studie zeigt vielmehr, dass bei dieser Energiepolitik große Herausforderungen auf uns alle zukommen, an denen gemessen das Thema Laufzeitverlängerung überbewertet erscheint.

Siehe auch:

Eine Langfassung diese Textes ist nicht geplant.
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