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Wie wirkt sich der beschleunigte Ausstieg aus der Kernenergie auf die Preise und die Versorgungssicherheit beim Strom aus?
Veröffentlicht: 2. Sept. 2011

Wie wirkt sich der beschleunigte Ausstieg aus der Kernenergie auf die Preise und die Versorgungssicherheit beim Strom aus?

Manfred Popp
Prof. Dr. M. Popp
Von
Manfred Popp (Manfred.Popp@energie-fakten.de)

Antwort

Nach dem von der Bundesregierung verhängten Moratorium sind am 17. März dieses Jahres fünf Kernkraftwerke mit einer Leistung von insgesamt über 5000 MWe und einer Stromerzeugung von rund 120 GWe pro Tag vom Netz genommen worden. Zusätzlich waren die Kernkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel nicht am Netz, so dass 7000 MWe nicht zur Verfügung standen. Mit den im Juni zur Energiewende erlassenen Gesetzen ist dies nun zum Dauerzustand geworden. Verstärkt wird dieser Effekt zur Zeit noch durch die regelmäßig im Sommer durchgeführten Revisionen, so dass zeitweilig auch weitere Kernkraftwerke nicht zur Verfügung stehen. Der Bundesverband der Elektrizitäts- und Wasserwirtschaft (BDEW) hat nun Zahlen vorgelegt, die die Folgen dieser Maßnahmen auf die Stromwirtschaft darstellen [1].

Der Strompreis an der europäischen Börse in Leipzig ist sofort nach dem Moratorium angestiegen und hat sich rasch auf einem neuen Niveau eingependelt, auf dem er vorerst konstant bleibt. Der neue Preis liegt für den Rest des Jahres und für 2012 bei Grundlaststrom etwa 0,6 bis 0,8 Cent pro kWh, bei Spitzenlast zwischen 0,6 und 1,2 Cent pro kWh höher als vor dem Moratorium. Das entspricht einer Preissteigerung von 12 – 16 % bei der Grundlast und 12 – 20 % bei der Spitzenlast. Der BDEW macht keine Aussage, wie sich diese Preissteigerungen auf die Strompreise auswirken. Voraussichtlich werden Privatkunden die Erhöhung mindestens anteilig tragen müssen, das bedeutet dann eine Steigerung der Strompreise um einige Prozent bis ca. 5 %. Allerdings sind weitere Strompreissteigerungen zu erwarten, wenn die neueren Kernkraftwerke in den nächsten Jahren nach und nach abgeschaltet werden. Auch der beim wachsenden Anteil Erneuerbarer Energien notwendige Ausbau des Netzes durch neue Trassen und Pumpspeicherwerke wird den Strompreis weiter nach oben treiben.

Eine Folge des Moratoriums und der Energiewende ist auch die Umkehrung der Import-Export-Bilanz beim Strom; Deutschland hat sich von einem Netto-Exporteur mit durchschnittlich 90 GWh pro Tag zu einem Netto-Importeur mit durchschnittlich 40 GWhe pro Tag gewandelt. Diese Differenz von 130 GWhe pro Tag entspricht mit rund 5400 MWe etwa 75 % der Dauerleistung der mit dem Moratorium abgeschalteten Kernkraftwerke. Der Ersatz für den deutschen Strom aus Kernkaftwerken kommt also weitgehend aus dem Ausland, und zwar überwiegend aus Frankreich und Tschechien. Da der in Kernkraftwerken erzeugte Anteil des Stroms in Frankreich rund 80 % und in Tschechien etwa 33 % beträgt, ist der Anteil des in Kernkraftwerken erzeugten Stromes in Deutschland nach dem Moratorium nur wenig gesunken.

Zwar hat Bundeskanzlerin Merkel diesen Import von Kernenergiestrom aus den Nachbarländern als unethisch bezeichnet, doch ist nicht absehbar, dass sich an dieser Situation etwas ändern wird. Denn durch den forcierten Ausbau der Erneuerbaren Energien allein lässt sich diese Importabhängigkeit nicht verhindern, dazu ist der notwenige Ausgleich bei Wind-Flauten und wechselnder Sonnen-Intensität zu groß. Deshalb erwartet die Bundesregierung auch einen Ausbau der konventionellen Kraftwerkskapazität vorzugsweise auf der Basis von Erdgas, doch ist laut BDEW fraglich, aber der im ausreichenden Umfang erfolgt. Zwar werden zur Zeit in Deutschland konventionelle Kraftwerke mit rund 16 GWe errichtet, weitere mit zusammen 15 GWe befinden sich im Genehmigungsverfahren. Von diesen scheinbar großen Kapazitäten von rund 30 GWe muss man jedoch erhebliche Abstriche machen: Bei in Planung befindlichen Anlagen im Umfang von 10 GWe ist es mindestens unsicher, ob die Investition tatsächlich erfolgt, denn angesichts des Ausbaus der Erneuerbaren Energien ist ihre Auslastung und damit der Ertrag der Investition schwer kalkulierbar. Viele Experten rechnen damit, dass vorerst nur die bereits begonnenen Bauvorhaben durchgeführt und keine neuen Projekte begonnen werden. Moratorium und Energiewende haben nicht zu besseren Planungsgrundlagen für neue Kraftwerke geführt, deren Wirtschaftlichkeit durch den weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien trotz Ausstieg aus der Kernenergie nicht gesichert ist. Manche Energieversorger investieren deshalb lieber im Ausland, wo sicherere Renditen zu erwarten sind. Anlagen mit rund 9 MWe sind noch nicht genehmigt, andere wurden genehmigt, aber mit der Auflage, ältere Anlagen mit zusammen 6 GWe stillzulegen. Somit ist zur Zeit nur ein Zubau von ca 14 GWe sicher, dem steht aber eine Stilllegung ältererer Kohlekraftwerke aufgrund von Umweltschutzvorschriften im Umfang von rund 6 GWe gegenüber. Von den verbleibenden sicheren 8 GWe entfallen noch 3 GWe auf off-shore Windanlagen, sodass an nicht-volatiler Leistung nur ein Zubau von 5 GWe gesichert ist. Dieser Zuwachs wird aber rasch durch die Abschaltung der neueren Kernkraftwerke aufgezehrt.

Moratorium und Energiewende haben also zu einer fühlbaren, aber nicht unmittelbar zu einer dramatischen Verteuerung der elektrischen Energie geführt, die Chancen für einen Verzicht auf den Import von Kernenergiestrom sind jedoch sehr gering, und um die längerfristige Versorgungssicherheit muss man sich ernsthafte Sorgen machen.

Quelle

  1. Auswirkungen des Moratoriums auf die Stromwirtschaft
    siehe dort auch: Anlagen und Materialien

Siehe auch:

Eine Langfassung diese Textes ist nicht geplant.
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