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Was sollen die Ausdrücke „intragenerationale und intergenerationale Gerechtigkeit“ im Zusammenhang mit Energie bedeuten ?

Von Joachim Grawe
(
Joachim.Grawe@energie-fakten.de)Grawe

Antwort

Die beiden Begriffe werden im Zusammenhang mit der „Nachhaltigkeit“, dem in den 1990er Jahren entstandenen Leitbild für das menschliche Wirtschaften in einer globalen Welt, gebraucht (zur „Nachhaltigkeit im Energiebereich“ siehe den entsprechenden Beitrag). Sie besagen etwas vereinfacht, dass wir bei allen Handlungen und Unterlassungen die Belange der „Mitwelt“ und der „Nachwelt“ (und daneben auch der „Umwelt“, um die es hier aber nur indirekt geht) angemessen beachten sollen. Das sind die Lebensinteressen der heute – vor allem in Entwicklungsländern – lebenden wirtschaftlich schwächer gestellten Menschen, (intra-generationale, d. h. sich zwischen den derzeit lebenden Menschen auswirkende, Gerechtigkeit) und die Lebensinteressen unserer Kinder, Enkel und Urenkel (inter-generationale, d. h. sich zwischen der heutigen und künftigen Generationen auswirkende, Gerechtigkeit ). Die angemessene Beachtung erfordert, dass wir unersetzliche „Erbgüter“ wie bestimmte knappe Rohstoffe nicht mehr als unbedingt notwendig für unsere Bedürfnisse in den wohlhabenden Ländern verbrauchen und dass wir unseren Nachkommen nicht gravierende „Erblasten“ aufbürden, d. h. Risiken, die sie nur schwer beherrschen können. Wenn wir solche Rohstoffe stark ausbeuten, müssen wir Substitutionsmöglichkeiten aufzeigen, und wenn wir größere Risiken vererben, müssen wir Lösungen zu deren Beherrschung mit hinterlassen.

Diese allgemeinen Grundsätze der Nachhaltigkeit sind nicht zuletzt auch auf die Energieversorgung anzuwenden. Daraus resultieren Anforderungen nicht nur an die Energiepolitik und die Energiewirtschaft, sondern durchaus auch an die Energieverbraucher. Welche Anforderungen das im Einzelnen sind, kann im Rahmen dieser Antwort nur an einigen wenigen Beispielen  dargelegt werden. Die Anforderungen stehen auch nicht ein für allemal fest. Wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Fortschritte verändern das Bild ständig. Abwegig wäre es deshalb z. B. anzunehmen, wir dürften heute gar keine endlichen und sich nicht erneuernden Ressourcen nutzen und gar keine Risiken eingehen (was übrigens unmöglich wäre).

Folgende Beispiele mögen die Bedeutung dieser Anforderungen verdeutlichen.

Erdöl und Naturgas sind wertvolle „Erbgüter“, nicht zuletzt auch als Rohstoffe für die Chemische Industrie. Sie zu verfeuern entspricht nur in dem Maße der intergenerationalen Gerechtigkeit, wie es, etwa für die Beheizung von Wohnräumen oder die Gewinnung industrieller Prozesswärme, keine ökonomisch und ökologisch akzeptablen Alternativen gibt. Solche Alternativen sind aber weitgehend durchaus vorhanden. Das bedeutet: Wir müssen hier zurückstecken und die Alternativen verstärkt nutzen.

Steigende Nachfrage der Industrienationen nach Öl auf den Weltmärkten mit der Folge höherer Preise widerspricht zugleich der intragenerationalen Gerechtigkeit. Denn infolge der höheren Preise haben die Entwicklungsländer Mühe, ihren Ölbedarf zu decken. Mineralölprodukte sind aber gerade für Staaten mit schwacher Infrastruktur, geringer industrieller Erfahrung und Kapitalmangel besonders geeignete Energieformen. Darüber hinaus verhindern die hohen Energiekosten dringend notwendige Erfolge bei der Überwindung oder zumindest Linderung der Armut, die ihrerseits wieder eine Voraussetzung für eine friedliche Entwicklung der Welt ist.

Gewichtige „Erblasten“ sind u. a. die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle über lange Zeiten (auch wenn es sich um sehr begrenzte Mengen handelt) und die Gefahr einer weltweiten Klimaverschlechterung durch menschliche Eingriffe, vor allem durch den Ausstoß von sog. Treibhausgasen. Glücklicherweise verfügen wir in beiden Fällen über Mittel, sie zu beherrschen. Bei den radioaktiven  Abfällen ist es das in vier Jahrzehnten intensiver Forschung angesammelte Wissen, wie man langfristig sichere Endlager für sie bauen, betrieben und versiegeln kann, beim Klimaproblem ist es die Kombination von rationellerer Energieanwendung und CO2-freier Energiegewinnung aus Kernenergie und regenerativen Energien .

Wenn die Umsetzung der entsprechenden Lösungen derzeit noch an wirtschaftlichen Interessen, Bürgerprotesten oder auch nur Mangel an Mut bei Politikern scheitert, müssen wir auf jeden Fall die Kenntnisse über die Lösungen und damit die Möglichkeiten der Risiko-Beherrschung konservieren und erweitern, damit die nächste in der Verantwortung stehende Generation sie anwenden kann.

Diese Antwort entstand auf eine Frage eines Lesers im Oktober 2006 und wurde am 26. Oktober 2006 veröffentlicht. Eine Langfassung ist nicht geplant.

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