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Veröffentlicht: 08. Mai 2012

Stimmt es, dass Deutschland trotz „Energiewende“ weiter Strom exportiert?

Manfred Popp
Prof. Dr. M. Popp
Screenshot Diskussionsrunde
Welche Bedeutung hat die Bilanzierung des Im- und Exports von Strom?
Video (3:12 Min),
mit Dr. Bernhard Heitzer, Staatssekretär im Bundesministerium für
Wirtschaft und Technologie (BMWi).
 
Von
Manfred Popp (Manfred.Popp@energie-fakten.de)

Jein.

Deutschland ist seit 2002 Netto-Exporteur von elektrischer Energie. Auch im Jahr 2011, in dem am 15. März das Moratorium für die älteren Kernkraftwerke verkündet wurde, ist noch ein Überschuss von rund 6 TWh erzielt worden. Aber dieser Überschuss war nicht nur wesentlich kleiner als im Vorjahr (17,7 TWh). In diesem Jahr ist die wirtschaftliche Bilanz dieses Stromaustausches mit unseren Nachbarn erstmals negativ geworden. Denn wir exportieren nun billigen Überschussstrom aus Erneuerbaren Energien und müssen teuren Strom zu Spitzenbedarfszeiten einführen. Blickt man also nur auf die Kilowattstunden, so hat Deutschland tatsächlich noch einen, allerdings kleiner gewordenen Exportüberschuss, bezieht man aber die Kosten ein, so ist unsere Export-Import-Bilanz durch die „Energiewende“ negativ geworden.

Wenn Sie mehr wissen wollen: Genau am 15. März 2011, als mit dem Moratorium die älteren Kernkraftwerke in Deutschland zunächst vorübergehend, durch die Beschlüsse zur Energiewende im Juni dann bleibend abgeschaltet wurden, wurde Deutschland vom Export- zum Importland für Strom. Aber mit den Schlussfolgerungen aus solchen suggestiven Übereinstimmungen von Daten muss man vorsichtig sein. So sollen in Deutschland auch über längere Zeit Geburtenrate und Storchenpopulation parallel abgenommen haben, ohne dass dies ein Nachweis dafür wäre, dass der Storch tatsächlich die Babys bringt. Denn Deutschland wird seit Jahren im Frühjahr regelmäßig – und geplant – zum Importland, vielleicht hat das Moratorium das genaue Datum beeinflusst, der Effekt wäre etwas später aber auch eingetreten. Wie die nachfolgende Grafik zeigt, wurde Deutschland im Oktober 2011 trotz Abschaltung der älteren Kernkraftwerke wieder zum Exportland.

Deutscher Strom Im und Export Mrz '11 bis Feb. '12
Abb.1: Deutscher Strom Im- und Export nach BMU [1]

Das liegt zunächst daran, dass die Energieversorger die Nachfrage-schwächeren Sommermonate für Reparaturen und Revisionen Ihrer Kraftwerke nutzen. Nach der Einführung der Europäischen Strombörse in Leipzig 2002 gingen sie dabei vermehrt dazu über, anstelle der Nutzung eigener Reservekapazitäten preiswerteren Strom aus dem Ausland zu importieren, vor allem günstigen Nuklearstrom aus Frankreich, dessen Kernkraftwerke im Sommer in der Regel nicht ausgelastet sind. Die nachfolgende Tabelle zeigt das Anwachsen des Stromaustauschs seit 2002 bis 2011 und den Wechsel, der durch das Moratorium tatsächlich eingetreten ist. Deutlich wirkt sich der Entzug eines Sockels an preiswerter Grundlast auf die Export-Import-Bilanz aus; der Austausch geht weiter aber der Mittelwert hat sich verschoben.

Deutsche Stromhandelsbilanz in TWh [2]

Jahr
Import
Export
Saldo
1990
31,9
31,1
- 0,8
1991
30,4
31,0
+ 0,6
1995
39,7
34,9
- 4,8
2000
45,1
42,2
- 3,1
2001
43,5
44,8
+ 1,3
2002
46,2
45,5
- 0,7
2003
45,8
53,8
+ 8,1
2004
44,2
51,5
+ 7,3
2005
53,4
61,9
+ 8,5
2006
46,1
65,9
+ 19,4
2007
44,3
63,4
+ 19,1
2008
40,2
62,7
+ 22,5
2009
40,6
54,9
+ 14,3
2010
42,1
59,1
+ 16,9
2011
49,6
49,3
+ 3,7

Da 2011 noch nicht voll von der Reduktion der Kernkraftwerkskapazität betroffen war, könnte ab 2012 durchaus eine eine auch quantitativ negative Stromhandelsbilanz beginnen. Was man den Zahlen nicht ansehen kann, ist, dass die Importe zu höheren und die Exporte zu geringeren Kosten verschoben haben, sodass die finanzielle Bilanz 2011 erstmals eindeutig negativ ist.

Dieser Vorgang macht zwei Probleme der Energiewende sichtbar:

  1. Die unmittelbaren Folgen der Energiewende werden zunächst durch vermehrten Import von Strom ausgeglichen, weniger durch die Inanspruchnahme eigener Reservekapazität. Dies führt dazu, dass die wirtschaftlichen Voraussetzungen für den Bau neuer Gaskraftwerke, die eigentlich benötigt werden, um bei Windflauten die Versorgung zu übernehmen, nicht mehr gegeben sind. Der Import ist aber keine vollständig sichere Versorgungsbasis. So kommt es in trockenen Sommern in Frankreich häufig zur Leistungsreduzierung oder Stilllegung von Kernkraftwerken an den Flüssen, deren Kühlkapazität dann nicht mehr ausreicht. In solchen Situationen steht dann plötzlich viel weniger Strom für den Import zur Verfügung. Die bequeme Lösung der von uns geschaffenen Probleme über unsere Nachbarn birgt daher auch erhebliche Risiken für die Versorgungssicherheit.
  2. Die Energiewende wird technisch zu bewältigen sein, auch wenn die großen Mengen an zeitlich unzuverlässigen Stromangeboten große Probleme verursachen. Ihre eigentliche Bewährungsprobe aber besteht in den Veränderungen der Wirtschaftlichkeit der Stromversorgung. Die Energiewende führt uns in ein System mit geringer Effizienz. Die Wind- und Solar-Kapazität hat inzwischen das doppelte der früheren Kapazität der Kernkraftwerke erreicht, ist aber im Mittel nicht wie diese mit 90% sondern nur mit 9 % (Solar) und 17 % (Wind) verfügbar. Neue Gaskraftwerke sollen die Versorgung bei Windflauten übernehmen, werden aber auf kaum mehr als 20 % der möglichen Betriebsdauer kommen. Das bedeutet natürlich, dass die sehr hohen Investitionskosten für alle diese Systeme auf sehr viel weniger produzierte Kilowattstunden umgelegt werden müssen. Auch der Ausbau des Netzes, der notwendig ist, um Windenergie in den Süden Deutschlands zu bringen und die vielen Solaranlagen ins Netz einzubinden, bedeutet zusätzliche Investitionen, die auf die auch bisher schon erzeugten Kilowattstunden umgelegt werden müssen. Weitere Steigerungen der Strompreise sind daher unausweichlich. Da die stromintensive Industrie weiter vor solchen Kostensteigerungen geschützt werden muss, damit diese Branchen nicht aus Deutschland abwandern und eine hohe Arbeitslosigkeit verursachen, werden die Haushalte weiterhin den Löwenanteil dieser Zusatzkosten tragen müssen. Sie tun das bisher trotz Ökosteuer und EEG-Umlage relativ geduldig, wohl weil die monatliche Stromrechnung einer durchschnittlichen Familie noch in der Höhe einer Tankfüllung des Autos liegt, die Schmerzgrenze also noch nicht erreicht scheint. Wo diese Schmerzgrenze liegt, werden wir bei weiterem Fortschritt der Energiewende bald erfahren.

Quellen

  1. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU)
  2. AG Energiebilanzen, zitiert nach Wikipedia

Siehe auch

  1. Wie verhalten sich Investitions-, Betriebs- und Brennstoffkosten bei unterschiedlichen Systemen zur Stromerzeugung?
  2. Bereich Energiekosten und -preise der Energie-Fakten
  3. Bereich Energiesteuern und -abgaben der Energie-Fakten
  4. BMU: Deutscher Export-Überschuss bei Strom in 2011
    „Laut dem jüngsten Bericht der AG Energiebilanzen e.V. (AGEB) hat Deutschland – trotz der dauerhaften Abschaltung der sieben ältesten Kernkraftwerke ab dem 17. März – in 2011 insgesamt mehr Strom exportiert als importiert.“

Eine Langfassung diese Textes ist nicht geplant.
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