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Glauben Sie wirklich, dass durch Atomenergie das Klima gerettet werden kann ?

Von Joachim Grawe
Grawe(
Joachim.Grawe@energie-fakten.de, Lebenslauf)

  1. Dazu möchte ich zunächst die Fakten aufzeigen:
    1. Die Klimagefahren (globale Erwärmung) drohen in erster Linie wegen des Ausstoßes von Kohlendioxid (CO2) bei der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas (sowie von Biomasse, wenn diese mit Hilfe von Düngung, Bewässerung, und Pflanzenschutzmitteln gewachsen ist). Bei der Stromerzeugung aus Kernbrennstoffen entsteht kein Kohlendioxid. Geringe Emissionen ergeben sich auf den Vorstufen Gewinnung und Anreicherung von Uran sowie bei Entsorgung und Abriss. Emissionen bei Transporten treten bei allen Energieträgern auf, und zwar um so mehr, je geringer der Energieinhalt des Energieträgers ist, bei Kernenergie deshalb verhältnismäßig geringe, bei der energiearmen Biomasse am anderen Ende der Skala verhältnismäßig hohe.

      Die Vergleichszahlen für den CO2-Ausstoß in t je 1 Million (Mio.) erzeugter Kilowattstunden (kWh) lauten: 
       
      - Braunkohle rd. 1.000  
      - Steinkohle rd. 850
      - Erdgas rd. 400
      - Solarenergie (Fotovoltaik) rd. 150 (Mittelwert)
      - Windkraft rd. 30 (Mittelwert)
      - Wasserkraft rd. 15 (Mittelwert)
      - Kernenergie rd. 10

      Sie beruhen auf sog. Lebensweg-Analysen (siehe auch: Wie groß sind die Umwelt- und Gesundheitsrisiken der unterschiedlichen Stromerzeugungsarten im Vergleich ?), das heisst, die Emissionen werden auf allen Stufen "von der Wiege bis zur Bahre" (Gewinnung der Rohstoffe, Bau der Anlagen, Betrieb, Entsorgung, Abriss sowie alle dazwischen liegenden Transporte) ermittelt und addiert und sodann auf die Stromerzeugung bezogen.
      Ich habe die Werte bewusst gerundet, um Streit über "Zahlen hinter dem Komma" aus dem Weg zu gehen. Mittelwerte anzugeben war notwendig, weil die Zahlen für Windanlagen und Solargeneratoren stark vom Standort abhängen und es bei Wasserkraftwerken große Unterschiede gibt.

      Wie die Tabelle zeigt, entstehen bei der Nutzung der Kernenergie die geringsten CO2-Mengen. Die Kernenergie liegt sogar vor Wasserkraft und Windkraft. Bei der Fotovoltaik schlagen der hohe Materialaufwand einerseits und die nur bescheidene Stromerzeugung andererseits negativ zu Buch.
    2. Weltweit werden heute in 32 Ländern 439 Kernkraftwerke mit einer elektrischen Gesamtleistung von 362.000 Megawatt - MW- (362 Millionen Kilowatt - kW -) betrieben. Sie erzeugten 2003 mehr als 2.500 Milliarden (Mrd.) Kilowattstunden (kWh) und erreichten damit wie in den Vorjahren einen Anteil von 17 % an der Welt-Stromerzeugung. Ohne die Kernkraftwerke (also wenn der Strom - prozentual verteilt - aus den anderen in diesem Sektor der Energieversorgung eingesetzten Energien erzeugt worden wäre) wäre der weltweite Ausstoß an CO2 um mindestens 12 % höher ausgefallen.
    3. Die deutschen CO2-Emissionen beliefen sich 2002 auf 858,5 Millionen Tonnen (Mio. t). Ohne die damals 19 Kernkraftwerke, also wenn die von den Stromverbrauchern 2002 nachgefragten 165,3 Mrd. kWh statt aus Kernenergie aus Kohle (der zum Zeitpunkt der Errichtung der Kernkraftwerke einzigen Alternative) hätten erzeugt werden müssen, wären es 162 Mio. t (= 12 %) mehr gewesen.

    Auf eine Kommentierung der Zahlen verzichte ich. Mir scheint, sie sprechen für sich.

  2. Nun werden für die Behauptung, die Klimarisiken ließen sich ohne Kernenergie-Nutzung abwenden, regelmäßig drei Argumente vorgebracht. Mit ihnen muss man sich auseinander setzen.
    1. Wolle man auf die Karte "Kernenergie" setzen, müssten so und so viele tausend neue Reaktoren gebaut werden. Das sei ganz unrealistisch, abgesehen davon, ob es wünschenswert sei.
      Diese Argumentation ist abwegig. Niemand hat je die Forderung aufgestellt, a l l e i n durch Kernenergie das Klima zu schützen. Das ginge wohl auch kaum. Aber wenn man so argumentieren will, dann gilt das Argument gleichermaßen für alle anderen Energien. Auch mit regenerativen Energien allein kann der Klimaschutz nicht bewirkt werden. Rationelle Energieanwendung ("Energiersparen"), Kernenergie und Regenerative Energien, die sich übrigens gut ergänzen, müssen einen ihnen jeweils gemäßen Beitrag leisten. Nur das ergibt einen Sinn.
    2. Wolle man Kernenergie zum Klimaschutz heranziehen, würde man den "Teufel mit Beelzebub austreiben". Dieses Bibelzitat ist zwar plastisch und damit medienwirksam. Aber es passt aus zwei Grünen überhaupt nicht.
      • Erstens gibt es in der Energieversorgung weder Teufel noch Engel. Keine Energie ist schwarz bzw. böse, ebenso ist keine weiss bzw. gut. Jede hat ihre spezifischen Vor- und Nachteile. Der Nachteil der Kernenergie ist, dass es einen schweren Unfall mit Kernschmelze und unkontrolliertem Entweichen von Radioaktivität geben könnte (sog. Super-GAU). Aber dieses Risiko ist bei westlichen Reaktoren nur theoretischer Natur. Ereignisse mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit von 1 zu 2 Millionen, wie sie die Deutsche Risikostudie für das ältere Kernkraftwerk Biblis B (unter Berücksichtigung von Maßnahmen des sog. Notfall-Managements) ergeben hat, bezeichnen wir sonst allgemein als "unmöglich" und treffen auch keine Vorkehrungen dagegen. Es ließen sich zahlreiche Beispiele schwerer Unfälle aus dem Bereich Energie und aus anderen Bereichen unseres Lebens mit ähnlichen Folgen anführen, die eine höhere Wahrscheinlichkeit haben. Bei den modernsten Kernkraftwerken ist die Eintrittswahrscheinlichkeit des sog. Super-GAU sogar nochmals um den Faktor 10 geringer. Dass die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl wegen der grundlegend anderen Verhältnisse in der ehemaligen Sowjet-Union hier nicht herangezogen werden kann, ist so gut wie einmütige Auffassung der Fachleute. Zu Tschernobyl siehe im übrigen: Ist ein Reaktorunfall wie in Tschernobyl auch in Deutschland möglich? und Welche Folgen hatte der Reaktorunfall von Tschernobyl 1986?.
      • Zweitens impliziert das "Austreiben des Teufels mit Beelzebub", dass es sich um zwei wenigstens einigermaßen vergleichbare Übel handelt. Das trifft aber nicht zu. Das Klimarisiko ist globaler Natur (das Kernenergie-Risiko regionaler). Zudem hat das Klimarisiko völlig andere (nämlich unvergleichlich größere) Dimensionen. Durch den Einsatz der Kernenergie verringern wir die Risiken für die Menschheit.
    3. Es gebe Studien, die aufzeigten, dass auch ohne Kernenergie die Emissionen von Treibhausgasen, bes. CO2, in dem notwendigen Ausmaß (zwischen 50 und 80 % in den Industrieländern bis 2050) gesenkt werden könnten. Dazu ist zu sagen: Es trifft zu, dass einige Studien Szenarien enthalten, bei denen ein solches Ergebnis zahlenmäßig heraus kommt. Aber das sind eben – Szenarien ! Diese sind u. a. dadurch charakterisiert, dass ein Bündel von Annahmen (Prämissen) als Ausgangspunkte getroffen wird. Deren Plausibilität, Kompatibilität miteinander und vor allem Realitätsnähe entscheidet über die Brauchbarkeit eines Szenarios. Gibt der Auftraggeber einer Forschergruppe vor: "Untersuchen Sie, ob es eine Möglichkeit gibt, die Ziele des Klimaschutzes ohne einen Beitrag der Kernenergie zu erreichen", so werden die Forscher legitimerweise angesichts des Auftrags Prämissen finden, bei denen die Frage (scheinbar) positiv beantwortet werden kann. Die Prämissen werden so gesetzt, dass das Ergebnis sich einstellt, nicht danach, ob sie besonders wahrscheinlich sind. Wenn der erste Computer-Durchlauf nicht gleich das Ergebnis bringt, werden zudem einzelne Annahmen variiert. So kann z. B. die jährliche Rate der Energieeinsparung (rationellen Energieverwendung) deutlich höher als in den letzten Jahrzehnten oder der Beitrag einer bestimmten Technik (z. B. Gas-Kraftwerke, Windkonverter) wesentlich größer als allgemein erwartet angesetzt werden. Auch können bestimmte staatliche Eingriffe unterstellt oder gefordert werden. Oder es wird gesagt, das Ziel könne erreicht werden, wenn diese oder jene Maßnahme ergriffen werde und diesen oder jenen Erfolg zeitige. Sieht man sich die erwähnten Studien näher an, die das Szenario-Ergebnis "Kernenergie wird nicht gebraucht" geliefert haben, so stellt man fest: Praktisch alle von ihnen legen äusserst optimistische ("ambitionierte") bis gänzlich unrealistische Beiträge der Einsparung von Strom (nicht unbedingt von Energie allgemein) oder der Erzeugung aus regenerativen Energien zugrunde. Selbst wenn diese Beiträge bei extremen Anstrengungen technisch realisierbar wären, scheitern derartige Lösungen an sehr hohen volkswirtschaftlichen Kosten, oder sie sind deutlich teurer als Alternativen mit einem substanziellen Beitrag der Kernenergie.
      Dazu abschließend folgende Zahlen:
      Die Vermeidung einer Tonne CO2 kostet in Deutschland:
      - durch Fotovoltaik rd. 1.200 Euro
      - durch Windenergie je nach Standort und Anlagentyp 85 – 170 Euro
      - durch Kohlekraftwerke mit höherem Wirkungsgrad rd. 30 Euro
      - durch Erdgas-Kraftwerke             0
      - durch Kernkraftwerke 0
       
      Die Vermeidung jeder Mio. t CO2 durch Windkraftwerke kostet so z. B. mindestens 85 Mio. Euro, die gespart und für dringende andere Aufgaben wie die Beschaffung von Arbeitsplätzen eingesetzt werden könnten (Zur Frage, wie viele Arbeitsplätze durch die Nutzung der Windenergie und anderer regenerativer Energien entstehen, siehe Wie viele Arbeitsplätze sind durch die Nutzung der Windenergie geschaffen worden?)

    Dieser Beitrag wurde am 3. Mai 2005 veröffentlicht.

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