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Veröffentlicht: 27. September 2010

Kernenergie

Was gilt nun wirklich, „Renaissance“ oder „Brückentechnologie“?

Von Dieter Herrmann
(
Dieter.Herrmann@energie-fakten.de, Lebenslauf)D. Herrmann

Das hängt ganz vom Blickwinkel ab:
Beides oder auch keines von beidem!

Beides

Sowohl „Renaissance“ als auch „Brückentechnologie“ sind umgangssprachliche Begriffe, die einer breiten Öffentlichkeit bestimmte reale Veränderungen in der Entwicklung und Bewertung der Kernenergie veranschaulichen sollen. Beide bringen damit, bei erheblichen Unterschieden im Detail, durchaus ähnliche Sachverhalte zum Ausdruck:

  • Die Bezeichnung „Renaissance“ (deutsch: Wiedergeburt) wird vorrangig international gebraucht. Sie soll deutlich machen, dass es bei dieser Energiequelle, deren Ausbau nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl sowie dem im selben Jahr einsetzenden deutlichen Rückgang der Ölpreise weitgehend ins Stocken geraten war, auf einmal wieder Entwicklung und Aufschwung gibt. Nach den jüngsten Erhebungen und Hochrechnungen der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) in Wien wird erwartet, dass die weltweit in Kernkraftwerken installierte Kapazität von etwas über 370 GW im Jahr 2009 auf 450 – 550 GW im Jahr 2020 und etwa 600 – 1400 GW im Jahr 2050 ansteigen wird. Wegen der erwartet hohen Zuwächse des Strombedarfs fiele der Anteil nuklearer Erzeugung beim unteren Schätzwert der Kernkraftwerkskapazität bis zum Jahr 2050 dennoch von gegenwärtig knapp 14 % auf etwa 7 %, stiege aber beim oberen Schätzwert auf 17 %. Qualitativ steht hinter diesen Zahlen eine Neubewertung der Kernenergie, die angesichts kräftiger Nachfragezuwächse in vielen Ländern wieder als unverzichtbares zweckmäßiges Mittel der Bedarfsdeckung angesehen wird.
  • Kernenergie wurde in Deutschland zur „Brückentechnologie“ aufgewertet, als sich immer deutlicher Schwierigkeiten mit dem angestrebten raschen Übergang der Stromerzeugung auf vorrangig erneuerbare Energien abzeichneten. Bekanntlich war im Jahr 2000 unter der damaligen Bundesregierung der „Atomausstieg“ beschlossen worden. Mit Hinweis auf fehlende Akzeptanz der Kernenergie bei der Bevölkerung wurde die zuvor nicht nach Jahren begrenzte Laufzeit bestehender Kernkraftwerke größtmöglich verkürzt und die Errichtung neuer Anlagen verboten. Da Kohle als Ersatz wegen damit stark steigender CO2-Emissionen faktisch ausschied, waren die Weichen zu Gunsten eines vorrangigen Ausbaus erneuerbarer Energien gestellt. Der wurde durch das im selben Jahr verabschiedete Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ganz folgerichtig auch massiv gefördert, und zwar maßgeblich über eine Umlagefinanzierung zu Lasten der Stromverbraucher. Der nachfolgende rasante Aufschwung ließ nicht lange auf sich warten, machte aber bald auch damit verbundene Probleme sichtbar:
    • Durch den besonders rasch zunehmenden Anteil der fluktuierenden Energiequellen Windkraft und Fotovoltaik wuchsen die Schwierigkeiten mit der Regelung und Stabilität der Netze. Und in absehbarer Zukunft wird sich elektrische Energie auch kaum in den für einen Schwankungsausgleich erforderlichen Maßstäben speichern lassen.
    • Standortfindung und Akzeptanz erwiesen sich vor allem bei der Windkraft als zunehmend schwierig, nachdem immer mehr Windparks entstanden und die einzelnen Windkraftanlagen zwecks Kostendegression immer größer wurden.
    • Das Ausweichen auf Off-Shore-Windparks ermöglicht, mehr und größere Windkraftanlagen einzusetzen und diese wegen der besseren Windverhältnisse zugleich effektiver zu nutzen. Aber, der Einsatz auf See wirft auch eine Vielzahl zusätzlicher Probleme auf und wird zunächst teurer. Vor allem verlangt er einen erheblichen Netzausbau, um den verbraucherfern erzeugten Strom landesweit verteilen zu können.

    Zweifellos werden sich viele der technischen Probleme lösen lassen, aber das verlangt Zeit, und es kostet zusätzlich Geld! Gleichzeitig verschärft sich jedoch der Zeitdruck, da die Kernkraftwerke zunehmend ihre einst beschlossenen Laufzeitobergrenzen erreichen. Zudem sind durch die globale Finanz- und Wirtschaftskrise die finanziellen wie sozialpolitischen Spielräume deutlich kleiner geworden, um staatliche oder Umlagefinanzierung ausweiten zu können. In dieser prekären Situation ist Laufzeitverlängerung die einzig reale Möglichkeit dar, Zeit und Geld für Problemlösungen zu gewinnen. Und sie ist auch aus Sicht der inzwischen fest etablierten erneuerbaren Energien das eindeutig „kleinere Übel“ im Vergleich zu sonst möglichen, öffentlich spürbaren Einschränkungen der Versorgungssicherheit. Allerdings ist Kernenergie damit nicht mehr länger nur das „ultimative Auslaufmodell“, sondern sie wird anerkanntermaßen als „Brückentechnologie“ zum Erreichen „höherer Ziele“ benötigt. Auch das ist, ob es gefällt oder nicht, eine Neubewertung der Kernenergie.

Keines von beidem:

Die Nutzung jeglicher Energiequellen setzt technische Lösungen voraus, die, abhängig von der Art sowohl der Quelle als auch der beabsichtigen Nutzung, einfacher oder komplizierter sein werden. Seit Beginn des Industriezeitalters und der verstärkten Nutzung fossiler Brennstoffe sind diese Techniken, und zwar Schritt für Schritt aufeinander aufbauend, immer leistungsfähiger, aber tendenziell auch immer komplexer und komplizierter geworden. Dabei war jeder neue Schritt immer nur die „Antwort“ auf inzwischen herangereifte neue Bedürfnisse sowie neue wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Möglichkeiten. Die bisherige Entwicklung der Kernenergie ordnet sich hierin ebenso nahtlos und plausibel ein wie etwa viele Jahrzehnte früher das Nutzbarmachen von Erdöl und Erdgas oder, unter Beachtung ihrer Besonderheiten, die künftige weitere Entwicklung der Fotovoltaik.

Entsprechende grundlegende technisch-wirtschaftliche Innovationsprozesse erfordern viel Zeit, ausreichend breite internationale Beteiligung sowie ein hohes Maß an Kontinuität. Dabei durchlaufen sie in Wechselwirkung mit ihrem Umfeld jeweils ganz charakteristische, logisch aufeinander aufbauende Phasen, die anschaulich mit „Einführung“, „Reifung“, „Ausbreitung“ und „Sättigung“ bezeichnet werden können. So erlebten die grundlegenden Techniken zur Gewinnung und Nutzung von Erdöl und Erdgas ihre Phase der „Einführung“ bereits im letzten Drittel das 19. Jahrhunderts, und zwar vor allem für die Bereitstellung von Lampenpetroleum. Die Anfang des 20. Jahrhunderts stark zunehmende Konkurrenz durch elektrisches Licht zwang im Sinne notwendiger „Reifung“ nicht nur zu vielfältigen Verbesserungen der Technologie, sondern auch zur Umorientierung auf neue Zielprodukte wie Treibstoffe und Heizöle. Zur „Ausbreitung“ kam es jedoch erst in den 1940er und 50er Jahren mit zunehmender Massenmotorisierung. Die 1973er Ölpreiskrise brachte schließlich den Übergang in die Phase der „Sättigung“, in der auch ungleich schwieriger zu erschließende Quellen wirtschaftlich nutzbar gemacht werden konnten und mussten, und in der vor allem das zuvor weniger beachtete Erdgas einen völlig neuen Stellenwert erhielt.

Die „Einführung“ von Kernenergie bzw. Kerntechnik startete rund ein dreiviertel Jahrhundert später, und zwar zunächst in wenigen Ländern, streng abgeschirmt, unter vorrangig militärischen Gesichtspunkten. Erst Mitte der 1950er Jahre, mit fortschreitender „Ausbreitung“ des Erdöls, wurde Kernenergie unmittelbar für die Energieversorgung interessant und für andere Länder wie beispielsweise auch Deutschland zugänglich. Obwohl selbst noch lange nicht konkurrenzfähig, war sie angesichts rasch wachsenden Energiebedarfs aber als potenzieller künftiger Ersatz für die begrenzten Reserven an Erdöl und anderen fossilen Brennstoffen extrem wichtig. Ihre Rolle wandelte sich jedoch, nachdem Anfang der 1970er Jahre ein Erreichen wirtschaftlicher Konkurrenzfähigkeit bei der Grundlast-Elektroenergieerzeugung in greifbare Nähe rückte. Und als sich ab 1973 schließlich das Erdöl erheblich verteuerte und gleichzeitig das Wirtschafts- und Energiebedarfswachstum stark einbrachen, wurde Kernenergie nicht mehr als vorrangig als Hoffnungsträger für die Zukunft, sondern als aktuelle Konkurrenz wahrgenommen, die aber noch ihre Phase der „Reifung“ absolvieren musste. Mit der gegenwärtigen globalen Finanz- und Wirtschaftkrise scheint diese letzte Phase nun abgeschlossen und die „Ausbreitungsphase“ eingeleitet zu sein. Zumindest ist in Verbindung mit einer nachhaltigen Überwindung der Krise damit zu rechnen, dass die globale Rohstoff- und Energienachfrage wegen des gigantischen Nachholbedarf der heutigen Schwellen- und Entwicklungsländer in Zukunft wieder erheblich wachsen wird. Zur Deckung speziell des Energiebedarfs wird es der Nutzung aller Optionen bedürfen, von verstärkter Einsparung, über erneuerbare Energien und fossile Brennstoffe bis zur Kernenergie. Die hierzu notwendige technisch-wirtschaftliche Weiterentwicklung der Kernenergietechnik ist aber keine „Wiedergeburt“ dieser Energiequelle, sondern logische Fortsetzung jenes vor mehr als sieben Jahrzehnten begonnenen Innovationsprozesses. Und es ist auch kaum damit zu rechnen, dass diese Entwicklung weltweit in ein, zwei Jahrzehnten im Sinne einer „Brückentechnologie“ abgeschlossen sein wird, unabhängig davon, zu welchen Lösungen wir uns in Deutschland schlussendlich durchringen werden.

Diese Antwort entstand auf die Frage eines Lesers im September 2010.

Siehe auch

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