Energie-Fakten.de >Wann geht das letzte Atomkraftwerk in Deutschland außer Betrieb?
 Veröffentlicht: 20. November 2004; aktualisiert: Juni 2010

Wann geht das letzte Atomkraftwerk in Deutschland außer Betrieb?

Von Joachim Grawe
(
Joachim.Grawe@energie-fakten.de)Grawe

Antwort

Das „Gesetz zur geordneten Beendigung der Atomenergienutzung zur Stromerzeugung“ aus dem Jahr 2001 sieht keine festen Endtermine vor. Vielmehr dürfen die einzelnen Kernkraftwerke (dies ist die wissenschaftlich korrektere Bezeichnung, denn genutzt wird die Energie des Atomkerns; wollte man ganz präzise sein, müsste man „Atomkernkraftwerk“ sagen, aber das wäre zu umständlich [1]) jeweils noch eine genau festgelegte Anzahl von Kilowattstunden Strom erzeugen. Wenn man ihren ungestörten Betrieb in Volllast zugrunde legt, sie also weiterhin „rund um die Uhr“ betrieben werden, wird das Kernkraftwerk Neckarwestheim II als das modernste und letzte 2021 oder 2022 vom Netz genommen werden.

Nach dem Gesetz dürfen aber Kilowattstunden von einer (älteren) auf eine andere (neuere) Anlage übertragen werden. So wie das zwischenzeitlich von Stade auf Biblis A gemacht wurde. Unterstellt man, dass davon im Falle Neckarwestheim (oder auch Lingen oder Isar II) Gebrauch gemacht wird, könnte es 2025 werden.

Inzwischen besteht aber unter den Fachleuten weitgehend Einigkeit, dass die Ziele des Klimaschutzes in Deutschland ohne einen Beitrag der Kernenergie in den nächsten Jahrzehnten nicht erreicht werden können und dass ihr Wegfall auch Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit der Stromversorgung beeinträchtigen bzw. gefährden würden. Denn die Regenerativen Energien sind in allen Szenarios schon mit dem größtmöglichen (wahrscheinlich kaum erreichbaren) Beitrag angesetzt. Sie, besonders die Sonnenenergie, aber in geringerem Umfang auch die Windenergie, haben große Probleme mit der Unstetigkeit und den hohen Kosten. Die Ersetzung der Kernkraftwerke durch (Stein-) Kohle- und Gaskraftwerke aber würde sowohl den Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid erhöhen wie – wegen der zunehmenden Importabhängigkeit – die Risiken für eine gesicherte Versorgung und günstige Strompreise für Wirtschaft und Verbraucher erhöhen.

Das sehen auch mehr und mehr führende und mit Energie- und Umweltfragen befasste Politiker aller Parteien so; am wenigsten verständlicherweise bei den Grünen, weil diese Partei zu einem erheblichen Teil von Aktivisten der Anti-Atom-Bewegung gespeist worden ist. Doch die ablehnende Haltung gegenüber der Kernenergie könnte sich auch bei ihnen ändern, sobald international und national weitere Fortschritte in der Entsorgung erzielt worden sind und die Erkenntnis sich verbreitet, dass die Kernenergie die Anforderungen der Nachhaltigkeit so gut erfüllt wie kaum eine andere Energieart (siehe dazu Wie hoch sind die "externen Kosten" der verschiedenen Energie-Techniken bei der Stromerzeugung ?). Setzt sich das durch, kann erwartet werden, dass die Laufzeiten der modernsten (nach 1980 in Betrieb gegangenen) Kernkraftwerke verlängert werden. CDU und FDP hatten das für den Fall ihres Wahlsiegs 2006 bereits angekündigt. Die Laufzeitverlängerung soll zusammen mit der Einführung der Steuer auf Brennelemente umgesetzt werden. [2] Die genannten Kernkraftwerke können durchaus 60 Jahre lang sicher betrieben werden statt der ihnen gesetzlich im Mittel zugestandenen 32 Jahre.

Siehe auch:

  1. Man liest manchmal „Atomkraftwerk (AKW)“ und dann wieder „Kernkraftwerk (KKW)“. Was ist nun richtig ? Oder stimmt Beides ?
  2. Welche Folgen hat die „Brennelemente-Steuer“? (Was kostet den Stromkunden die am 7. Juni 2010 vom Bundeskabinett beschlossene neue Steuer auf Brennelemente?)
  3. Laufzeitverlängerungen deutscher Kernkraftwerke – Wie lange können Kernkraftwerke sicher betrieben werden?
  4. Wenn die deutschen Kernkraftwerke nicht aus politischen Gründen abgeschaltet werden müssten, wie lange könnten sie dann technisch sicher betrieben werden?
  5. Effekte einer Laufzeitverlängerung
    Positionen & Argumente in der Debatte (pdf, rd. 350 kB)
    (Rubrik „Aussagen anderer Fachleute“)
  6. Grafik: Vorraussichtliche Restlaufzeiten deutscher Kernkraftwerke, pdf 412 kB
  7. Weitere Texte finden Sie im Bereich Kernenergie > Anlagen.

Diese Antwort entstand auf eine Frage eines Lesers im November 2004 und wurde zum 29. Juni 2010 aktualisiert. Eine Langfassung ist nicht geplant.

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