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Welche Auswirkungen haben die Unruhen im Nahen Osten auf unsere Ölversorgung?
Veröffentlicht: 28. Februar 2011

Welche Auswirkungen haben die Unruhen im Nahen Osten auf unsere Ölversorgung?

Manfred Popp
Prof. Dr. M. Popp
Von
Manfred Popp (Manfred.Popp@energie-fakten.de)

Antwort

War Tunesien, wo der Aufstand gegen die Diktaturen des Nahen Ostens begann, noch ohne Bedeutung für die Energieversorgung Europas, so gab es im Falle Ägyptens schon größere Risiken wegen der Kontrolle über den Suez-Kanal, durch den das meiste Öl aus Saudi Arabien und den Emiraten nach Europa transportiert wird. Mit Libyen ist nun ein Lieferland von heftigen Unruhen betroffen; auch in anderen Ölstaaten, wie in Bahrein gibt es Proteste. Dieses Thema beschäftigte natürlich die Experten der Internationalen Energie-Agentur (IEA), der Stiftung Wissenschaft und Politik und der EnBW, sowie den „Energie-Fakten“-Mitherausgeber Prof. Dr. A. Voß in einem Debattenabend der Stiftung Energie und Klimaschutz Baden-Württemberg (Link zu www.energieundklimaschutzbw.de) am 24.02. 2011, der eigentlich der Langfristprognose der IEA über die Entwicklung des Weltenergiebedarfs bis 2035 (World Energy Outlook) gewidmet war.

Einig waren sich die Experten darin, dass Versorgungsprobleme nur in der Phase der Unruhen bis zur Wiederherstellung eines Ordnungssystems entstehen können. Alle Lieferländer sind so stark von den Einnahmen aus dem Öl-Export abhängig, dass kein Regime darauf verzichten kann. Allerdings kann niemand voraussagen, wie lange diese Übergangszeit dauern wird.

Im konkreten Falle Libyens halten sich die Auswirkungen, jedenfalls für Deutschland, das nur 5 % seines Öl von dort bezieht, noch in Grenzen; das dürfte für Italien, das aus Libyen und Algerien das meiste Öl und Gas bezieht, schon anders sein. Insgesamt aber gilt, dass der Ausfall eines Lieferlandes, selbst über mehrere Jahre, wie es der Fall Irak gezeigt hat, verkraftbar ist, weil die Produktionsreserven der anderen Lieferländer flexibel genug darauf reagieren können. Nur der Ausfall Saudi Arabiens würde zu größeren Problemen führen.

Für derartige Übergangsprobleme haben die Industrieländer nach der ersten Energiekrise 1974 die IEA gegründet, deren wichtigste Aufgabe das gemeinsame Management der 24 Mitgliedsländer im Falle von Versorgungskrisen ist. Alle Mitgliedsländer haben sich verpflichtet, eine nationale Ölreserve aufzubauen, die einen totalen Importausfall über 90 Tage abfangen kann. Diese Reserven lagern in Deutschland in Form von Rohöl untertage und in Form von Mineralölprodukten in oberirdischen Tanklagern; sie werden zu etwa ein Drittel von der öffentlichen Hand, zu zwei Drittel von der Industrie vorgehalten. Bei Absenkung des Bedarfs durch entsprechende Notmaßnahmen könnte der Vorrat auch bis zu 120 Tage Lieferausfall abdecken. Die IEA hat sich grundsätzlich dazu bereit erklärt, diese Reserven bei Versorgungsengpässen im Falle einer Ausweitung der Unruhen im nahen Osten einzusetzen, sieht dafür im Falle Libyens, das nur rund 1 % zur Welt-Ölversorgung beiträgt, aber noch keinen Anlass.

Wenn dennoch der Ölpreis wieder auf 120 $ pro barrel angestiegen ist, so hat dies seine Ursache nicht in einer akuten Verknappung, sondern in einer nervösen Reaktion des Marktes auf mögliche Ausweitungen der Instabilität in dieser, für die Energieversorgung der Welt insgesamt so bedeutenden Region. Aber die Experten waren sich auch einig, dass die Zeit des billigen Öls ohnehin vorbei ist. Dafür sorgt schon der ständig wachsende Energiehunger der sich rasch entwickelnden großen Länder Asiens, in denen über 50 % des Energiebedarfs für die Mobilität eingesetzt wird, also ein hoher Bedarf an Mineralöl besteht. Um so mehr wird diese Krise dazu beitragen, die Abhängigkeit vom Mineralöl in diesem Sektor zu vermindern, vor allem durch Förderung der Elektromobilität, wofür vor allem in China ehrgeizige Ziele verfolgt werden. Da die Welt aus Gründen des Klimaschutzes ohnehin den Einsatz fossiler Energien reduzieren sollte, verstärken die Unruhen im Nahen Osten langfristig die ohnehin notwendige Umorientierung.

Mit Preissprüngen an den Tankstellen müssen wir freilich in der gegenwärtigen unruhigen Zeit im Nahen Osten weiterhin rechnen. Da ist es fast ein Trost, dass der größere Teil des Preises eines Liters Benzins, mindestens 0,87 Euro aus Steuern besteht, Schwankungen des Rohölpreises sich also nur entsprechend gedämpft an den Tankstellen wiederspiegeln sollten.

Siehe auch:

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