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Was bedeutet das Moratorium für die Laufzeitverlängerung für die deutsche Energiepolitik?
Veröffentlicht: 15. März 2011

Was bedeutet das Moratorium für die Laufzeitverlängerung für die deutsche Energiepolitik?

Manfred Popp
Prof. Dr. M. Popp
Von
Manfred Popp (Manfred.Popp@energie-fakten.de)

Antwort

Unter dem Eindruck der Ereignisse in Japan hat die Bundesregierung gestern beschlossen, die soeben gesetzlich geregelte Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke für drei Monate auszusetzen. Die Begründung, es habe sich gezeigt, dass Risiken, die für unwahrscheinlich gehalten wurden, nicht vollends unwahrscheinlich seien, verwundert, denn genau das ist Inhalt des Begriffs „Restrisiko“. Dieses Restrisiko wurde in den Genehmigungsverfahren bewertet und angesichts der äußerst geringen Wahrscheinlichkeiten für akzeptabel gehalten. Dieses Restrisiko ist aber auch seit jeher die Achillesferse der Kernenergie, erst recht in einem so dicht besiedelten Land wie Deutschland. Deshalb haben deutsche Wissenschaftler wesentlich dazu beigetragen, für die Zukunft Reaktoren zu entwickeln, die alle denkbaren Störfalle ohne größere Auswirkungen außerhalb der Anlage zu beherrschen gestatten. Erste Anlagen dieser Art werden zur Zeit in Finnland und Frankreich gebaut.

Wenn nun die Sicherheit der deutschen Kernkraftwerke „Im Lichte der Erkenntnisse aus Japan“ überprüft werden sollen, dann kann sich das nur auf Ausrüstung und Management für Notfälle beziehen. Auslöser der Havarie der Reaktoren in Fukushima war ja das Fehlen einer ausreichenden Stromversorgung für die Kühlung der Reaktoren durch die Zerstörung der Stromnetze durch das Erdbeben und die Flutung der Notstromaggregate durch den gigantischen Tsunami, der die Abschirmung überschritt. In Deutschland müssten andere auslösende Faktoren betrachtet werden.

Unmittelbare Folge des Moratoriums ist zunächst, dass die sieben älteten Kernkraftwerke vom Netz genommen werden müssen.

Die Aussage von Bundeskanzlerin Merkel, die Lage nach dem Moratorium werde eine andere sein als heute, lässt weitgehende zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen erwarten. Alle Maßnahmen jedoch, die in die Sicherheitssysteme der Kernkraftwerke eingreifen, bedürfen sorgfältiger Planung und genauer Begutachtung; sie können nur langsam unter genauer Dokumentation jedes Schrittes umgesetzt werden. Für diesen Vorgang muss man in jedem Fall mit mehreren Jahren rechnen. Je nach Höhe des Aufwands wird deshalb die Abwägung der Betreiber, ob sich die erforderlichen Investitionen noch rentieren, auch in Abhängigkeit der Belastungen durch Brennelementsteuer und Zahlungen in den Fonds zur Förderung Erneuerbarer Energien, zu einem Verzicht auf einige Anlagen führen. Es ist möglich, dass dann nur noch die jüngeren Anlagen, deren Laufzeit um 14 Jahre verlängert werden sollte, weitergeführt werden, und auch dies ist in einigen Fällen fraglich.

Damit wird die „Brücke“, die die Kernenergie in die von Erneuerbaren Energien geprägte Zukunft schlagen sollte, deutlich schmaler. Die Zeit für ihre Weiterentwicklung zu besserer Wirtschaftlichkeit wird verkürzt. Deshalb kann auch der Bau weiterer Gaskraftwerke, mit denen sich neue Stromerzeugungskapazitäten am schnellsten schaffen lassen und auch von Kohlekraftwerken erforderlich werden, um die Stromerzeugungskosten in Deutschland wettbewerbsfähig zu halten.

Noch in einem weiteren Punkt droht das Energiekonzept der Bundesregierung als Folge der Erklärung von gestern zu scheitern. Dieses Konzept geht nämlich nur auf, wenn bis 2050 bis 140 TWh Strom importiert werden, das ist (zufällig?) fast die Menge, die zur Zeit von den deutschen Kernkraftwerken bereitgestellt wird. Bundeskanzlerin Merkel hat nun gestern erklärt, im Sinne der Redlichkeit käme auch der Import von Kernenergie-Strom aus anderen Ländern nicht in Frage. Wenn man das wirklich ausschließen will, dann bleibt nur der Verzicht auf Importe, denn auf die Art und Weise, wie unsere Nachbarländer ihren Strom erzeugen, haben wir keinen Einfluss; fast alle nutzen Kernenergie zu ihren Bedingungen, und dem Strom im Netz kann man nicht anmerken, wie er erzeugt wurde. Da aber das Energiekonzept für den Ausbau der Erneuerbaren Energien schon äußerst ambitionierte Ziele formuliert, bedeutet ein Verzicht auf Importe mehr konventionelle Kraftwerke in Deutschland. Damit wären die klimapolitischen Ziele der Bundesregierung nicht mehr erreichbar.

Diese Ziele müssen aber ohnehin korrigiert werden. Denn der Weltenergieverbrauch wird in den nächsten 15 Jahren so stark steigen, dass das Ziel, die Erwärmung der Erdatmosphäre auf 2 °C zu begrenzen, verfehlt wird; dies zeigen alle aktuellen Prognosen, z. B. der World Energy Outlook der Internationale Energie Agentur (IEA). (Siehe unten) Dann macht es aber auch keinen Sinn, wenn das kleine Deutschland sich ehrgeizigere Ziele setzt, weil das Weltklima durch deutsche oder europäische Alleingänge nicht wirksam zu beinflussen ist. Das Ergebnis des Moratoriums kann also die Wiederherstellung des in Deutschland bewährten klassischen Energie-Mixes aus Kohle, Gas, Erneuerbaren Energien und Kernenergie sein, letztere nur für eine Übergangszeit mit reduzierter Kapazität nach erneuter sicherheitstechnischer Optimierung.

Siehe auch:

Laufzeitverlängerung
Sicherheit von Kernkraftwerken
Status des Moratoriums
  • Twitter Feed der Kanzlerin: „Kanzlerin und Min.Präsidenten beschließen: alle AKW überprüfen, die 7 ältesten während dreimonat. Moratorium stilllegen.“ (15 März 2011 13:30 Uhr; siehe Bundesregierung.de)
Energiekosten & Energiepreise, Besteuerung und Kernenergie als Brückentechnologie
Energiekonzept der Bundesregierung
Ausblick in die Zukunft: World Energy Outlook
Zum Thema Laufzeiten nach der Energiewende
  • Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) informiert über die Laufzeiten, Reststrommengen der einzelnen Atomkraftwerke und dem Weg beim Ausstieg aus der Kernenergie unter www.bfs.de.
  • Dr. Ralf Gülder, Präsident des Deutschen Atomforums, präsentierte am 11. März 2012 in Bern das Thema „Stromversorgung in Deutschland ein Jahr nach dem Moratorium“. In der Präsentation (pdf, Link zu nuklearforum.ch) sind die aktuellen Laufzeiten angegeben.

Eine Langfassung diese Textes ist nicht geplant.
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