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 Veröffentlicht: 9. Juli 2003.

Geht uns bald das Öl aus?

Die Energie-Fakten haben sich seit der Veröffentlichung dieses Textes im Jahr 2003 mehrfach mit dem Thema befasst. Dieser Beitrag liefert grundsätzliche Überlegungen, die durch die neusten Untersuchungen der Internationalen Energieagentur (IEA) bestätigt werden. Aktuelle Zahlenwerte liefern die neueren Beiträge, die im Bereich „Siehe auch“ am Ende des Beitrags verlinkt sind [Red., KT, Feb. '12]

Von Joachim Grawe
(
Joachim.Grawe@energie-fakten.de)Grawe

 

Erdöl spielt seit mehr als 100 Jahren eine Rolle in der Energieversorgung. Vor rd. 50 Jahren wurde es zum wichtigsten Energieträger der Menschheit. Bis heute ist das so geblieben.

Schon nach dem 1. Weltkrieg tauchte die Sorge auf, die Öl-Vorräte könnten bald zur Neige gehen. Durch die vom Club of Rome in Auftrag gegebene Studie „Die Grenzen des Wachstums“ schien das 1974 zur Gewissheit zu werden. Der Bericht sagte die Erschöpfung der Vorkommen um die Jahrtausendwende voraus. Doch in diesem Punkt wie bei fast allen Prognosen haben sich die Verfasser gründlich geirrt.

Heute (Stand 2001) reichen die 152 Milliarden Tonnen (Mrd. t) Reserven an sog. konventionellem Erdöl mit 43 Jahren weiter als früher. Konventionelles Erdöl ist solches, das in der Lagerstätte fliesst. Seit 1988 haben sich nur geringfügige Veränderungen der Reichweite ergeben. Dabei sind in dem Zeitraum 1989 bis 2001 fast 45 Mrd. t gefördert worden.

Die (statische) Reichweite täuscht indessen. Sie gibt das Verhältnis der Reserven zu der Förderung des letzten Jahres wieder. Sowohl die Reserven wie die Förderung sind aber nicht statisch. Der Welt-Jahresverbrauch, von dem die Fördermenge abhängt, kann sinken oder steigen. In den letzten 30 Jahren hat er sich von rd. 2,5 auf rd. 3,5 Mrd. t jährlich erhöht.

Auch die Reserven verändern sich von Erhebung zu Erhebung, einerseits durch den Verbrauch, andererseits durch zusätzliche Funde und Neu-Bewertung bekannter Lagerstätten. Unter den „Reserven“ versteht man denjenigen Teil der weltweit vorhandenen Gesamt-Ressourcen, der mit großer Genauigkeit erfasst wurde und der mit derzeitiger Technik wirtschaftlich gewonnen werden kann.

Zu ihnen kommen 84 Mrd. t Ressourcen. Als solche werden die Mengen bezeichnet, deren Vorhandensein bekannt, deren Förderung aber derzeit technisch (noch) nicht möglich oder zu teuer ist, sowie diejenigen, die auf Grund geologischer Indikatoren noch erwartet werden.

Durch weitere Exploration, bes. auch Bohrungen, werden neue Ölfelder nachgewiesen. Die Weiterentwicklung der Technik ermöglicht die Gewinnung von Erdöl, das sich bisher dem Zugriff entzog. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Entölungs-Grad der Quellen. Konnten früher jeweils nur gut ein Viertel der vorhandenen Menge gefördert werden, so sind es heute durch sog. Sekundär- und Tertiär-Förderung (Einspeisung von Wasser bzw. Dampf zum Herauspressen des Öls) bis zu 60 %. Schließlich können die Energiepreise auf den Weltmärkten steigen. Dann werden weitere (bisher unwirtschaftliche) Ressourcen zu Reserven.

Darüber hinaus enthält die Erdkruste bedeutende Mengen an sog. nicht-konventionellem Erdöl. Davon werden nach derzeitigem Stand 58 Mrd. t als Reserven und mehr als 1.600 Mrd. t als zusätzliche Ressourcen gewertet. Die hierzu zählenden Schwerstöle (bes. in Venezuela) lassen sich heute teilweise schon wirtschaftlich gewinnen. Bei den kanadischen Teersanden bestehen (bei steigendem Preis-Niveau) gute Aussichten, wenn die mit ihrer Förderung verbundenen Umwelt-Probleme gelöst werden können. Dagegen ist eine breite Nutzung der Ölschiefer, die den Großteil der Ressourcen ausmachen, derzeit nicht erkennbar (Kleine Mengen werden u. a. von einem Unternehmen in Deutschland abgebaut).

Seit Beginn der industriellen Förderung wurden insgesamt etwa 128 Mrd. t Erdöl gewonnen, die Hälfte davon in den letzten 20 Jahren. Das sind 35 % des Gesamt-Potenzials (Reserven + Ressourcen + bisher gewonnene Menge). Innerhalb der nächsten 20 Jahre dürfte die Hälfte des Gesamt-Potenzials verbraucht worden sein, wenn dieses sich durch Neufunde oder Höher-Bewertung nicht wesentlich erhöht.

Nach all dem kann man – in Anlehnung an Feststellungen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in ihrer Untersuchung „Reserven, Ressourcen und Verfügbarkeit von Energierohstoffen 2002“ – folgendes Fazit ziehen:

  1. Für die nächsten 15 bis 20 Jahre ist die Versorgung mit Erdöl gesichert. Das geopolitische Problem der ungleichen Verteilung der Vorräte auf der Erde und der daraus herrührenden Versorgungs-Risiken soll in einem eigenen Beitrag behandelt werden.
  2. Danach könnten die Preise (unabhängig von anderen Einflüssen) steigen, weil Vorkommen mit höheren Kosten ausgebeutet werden müssen. Dies trifft die finanzschwachen Entwicklungsländer stärker als die Industriestaaten.
  3. Erdöl wird – bei sinkendem Anteil am Primärenergie-Verbrauch der Welt – noch auf viele Jahrzehnte eine wichtige Rolle in der Energie-Versorgung der Menschheit spielen (müssen).
  4. Ob Erdöl auch für das gesamte 21. Jahrhundert in ausreichendem Maße zur Verfügung steht, hängt davon ab, inwieweit sein Einsatz von der Energiepolitik auf solche Bereiche beschränkt wird, auf denen es am wertvollsten ist. Dazu gehört heute in erster Linie der Straßenverkehr. Hier sind gleichwertige Alternativen noch nicht erkennbar. Vielfach wird als solche zwar der Wasserstoff genannt (sei es als Kraftstoff für Otto-Motoren, sei es als Einsatz-Energie für Brennstoffzellen, die im Fahrzeug den Strom für Elektro-Motoren erzeugen). Im Gegensatz zum Erdöl ist der Wasserstoff aber kein in der Natur rein vorkommender Primärenergieträger. Es zeichnet sich derzeit nicht ab, wie er wirtschaftlich gewonnen werden kann (ausser durch Spaltung von Erdgas, das dann aber genau so gut direkt in den Motoren verbrannt werden kann). Das langfristig einzig sinnvolle Verfahren ist die Elektrolyse des Wassers. Dazu benötigt man große Mengen an billigem Strom. Möglicherweise kann dieser einmal aus Kernenergie erzeugt werden. Regenerative Energien dürften dafür (mit Ausnahme in großen Anlagen ausserhalb Europas genutzter Wasserkraft) auch in Zukunft zu teuer sein.

    Man kann sog. schwere Fraktionen in der Rohöl-Destillation zu Benzin weiterverarbeiten („cracken“). Vorstellbar ist deshalb, dass in einigen Jahren keine neuen Öl-Heizungen mehr errichtet und – nach einer Übergangsfrist – vorhandene ausgetauscht werden müssen. Mit Nahwärme-Systemen auf Erdgas-Basis, Erdgas-Brennwertkessel und Elektro-Wärmepumpen gibt es insoweit bessere, vor allem auch umweltverträglichere Alternativen. Damit könnten der Ölverbrauch deutlich gesenkt und die Vorräte entsprechend „gestreckt“ werden, immer vorausgesetzt, dass nicht Deutschland allein eine solche Maßnahme beschliesst.

Diese Antwort entstand auf die Frage eines Lesers im Juli 2003.

Siehe auch