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Wie beurteilt die Wissenschaft den Ausstieg aus der Kernenergie ?

Von Joachim Grawe
(
Joachim.Grawe@energie-fakten.de)

Grawe

Die Wissenschaft gibt es nicht. Innerhalb der Wissenschaftlergemeinde gibt es zu so gut wie allen Fragen unterschiedliche Auffassungen. Regelmäßig bilden sich jedoch Mehrheitsmeinungen. Deren Richtigkeit ist allerdings nicht garantiert.

Ich gehe davon aus, dass Ihre Frage auf die deutschen Wissenschaftler und deren Haltung zum deutschen Verzicht auf Kernenergie abzielt. Insoweit gibt es ein interessantes Dokument. 1998 hatten SPD und Grüne die neue Bundesregierung gebildet. Sie griffen auf ältere Parteitagsbeschlüsse zurück (bei den Grünen schon 1980 bei der Gründung der Partei, bei der SPD 1986 unter dem Schock von Tschernobyl) und kamen überein, die Kernenergie-Nutzung zu beenden. Als das bekannt wurde, haben deutsche Professoren im September 1999 ein Memorandum an die Bundesregierung gerichtet. Darin haben sie unter Anführung von zehn Argumenten vor dem „Atomausstieg“ gewarnt. Dieses Memorandum ist nachstehend wiedergegeben, da es seinerzeit von keiner deutschen Tageszeitung in vollem Wortlaut abgedruckt worden ist.

Es wurde (einschließlich einer Reihe von Nachzüglern) von insgesamt 680 deutschen Professoren unterzeichnet. Nur Professoren waren als Unterzeichner zugelassen, also Wissenschaftler, denen auf Grund ihrer Leistungen, bes. ihrer fachlichen Veröffentlichungen, der Professorentitel verliehen worden war. Damit sollte dokumentiert werden, dass zu den Wissenschaftlern nicht x-beliebige Personen gehörten, die sich zu Recht oder Unrecht als „Wissenschaftler“ bezeichnen. Denn dieser Begriff ist rechtlich nicht geschützt. Zumindest jeder an einer Hochschule Lehrende und Lernende kann sich so nennen.

Kein anderes an die Politik gerichtetes Dokument ist jemals in Deutschland von derartig vielen Professoren getragen worden, die im Allgemeinen mit ihrer Unterschrift sehr vorsichtig sind. Das erlaubt wohl die Aussage: Die ausgewiesenen deutschen Wissenschaftler, jedenfalls die auf den Gebieten „Energie“, „Physik“, „Umwelt“, „Ingenieurwesen“  und „Volkswirtschaft“, aus deren Reihen die meisten Unterzeichner kamen, lehnen den Verzicht Deutschlands auf die Kernenergie ganz überwiegend ab.

Das Memorandum wurde – wie erwähnt – offiziell im Bundeskanzleramt übergeben. Es erregte Aufsehen, geriet aber bei der Schnelllebigkeit der Zeit in Vergessenheit. Die Bundesregierung reagierte darauf übrigens nur mit einer flapsigen Bemerkung von Umweltminister Trittin im Bundestag.

Memorandum deutscher Wissenschaftler zum geplanten Kernenergieausstieg vom September 1999 (PDF, 30 kB)

Dieser Beitrag wurde am 16. März 2006 veröffentlicht .

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