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Kann Kernenergie mit Sonnenenergie konkurrieren ?

Von Joachim Grawe und Eike Roth
Joachim.Grawe@Energie-Fakten.de, Lebenslauf und Eike.Roth@Energie-Fakten.deGrawe, Lebenslauf

Manchmal werden die „Energie-Fakten“ mit dem Vorwurf konfrontiert, die Kernenergie zu gut und die Sonnenenergie zu schlecht zu bewerten. Wir glauben nicht, dass das stimmt. Wir versuchen vielmehr, unsere Bewertung nach bestem Wissen und Gewissen nur an Fakten auszurichten. Und die sind nun einmal für die beiden Energieformen zum Teil stark unterschiedlich. Aber wir nehmen die Fragen unserer Leser ernst. Einer hat uns jetzt rundheraus gefragt, ob wir denn wirklich meinten, dass Kernenergie überhaupt mit Sonnenenergie konkurrieren könne. Auch wenn der Begriff „Konkurrieren“ unscharf ist, wollen wir in diesem Beitrag eine Antwort versuchen.

RothVorab wollen wir aber gleich betonen, dass wir zwar gerne die Fragen unserer Leser beantworten, ein Gegeneinander von Kernenergie und Sonnenenergie in der Sache aber für falsch und unberechtigt halten. Viele Menschen auf der Erde sind zu arm, und der Energiebedarf der Menschheit insgesamt ist zu groß, als dass angesichts knapper werdender Vorräte an fossilen Energieträgern und der Notwendigkeit zu CO2-Einsparungen ein Platz für ein künstliches „Entweder/Oder“ zwischen Kernenergie und Sonnenenergie wäre. Wir brauchen einfach beide, wenn wir unsere Probleme auch nur annähernd lösen wollen, jede Energieform dort, wo sie den meisten Nutzen bringt.

Als zweite Vorab-Bemerkung wollen wir noch darauf hinweisen, dass Sonnenenergie genau genommen selbst eine Form von Kernenergie ist. Im Folgenden verstehen wir unter „Sonnenenergie“ einfach die der Erde von der Sonne zugestrahlte Energie (die in sehr verschiedenen Formen genutzt werden kann) und unter „Kernenergie“ die auf der Erde in Kernkraftwerken bereitgestellte bzw. bereitstellbare Energie. Und zur „Konkurrenzfähigkeit“ sei noch angemerkt, dass eine Antwort hierauf auch davon abhängig ist, in welcher Hinsicht denn die Konkurrenzfrage gemeint ist.

Rein mengenmäßig überwiegt die von der Sonne auf die Erde eingestrahlte Energie bei weitem. Sie ist mehr als 10.000 Mal größer als der gesamte menschliche Energiebedarf und von diesem wird wohl stets höchstens ein Teil durch Kernenergie gedeckt werden. In der physikalischen Gesamtmenge kann die Kernenergie mit der Sonnenenergie daher nicht konkurrieren.

Die physikalische Gesamtmenge sagt aber noch nichts über die praktisch nutzbare Menge aus. Hierfür ist z. B. die Konzentration der Energie ganz wesentlich, und die ist bei der Kernenergie unvergleichlich höher. Da kann die Sonnenenergie nicht mit der Kernenergie konkurrieren. Um die gleiche nutzbare Energiemenge zur Verfügung zu stellen, benötigt man mit Sonnenenergie sehr viel größere Flächen. Und die geringere Konzentration bewirkt grundsätzlich einen höheren Materialbedarf. Der wiederum hat zwangsweise Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit und die Energiebilanz und damit auf die real nutzbare Energiemenge.

Die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit ist stark abhängig von der Form der Nutzung. Nimmt man z. B. die Produktion von elektrischem Strom aus Sonnenenergie, so ist die Kernenergie im Allgemeinen deutlich überlegen (billiger), z. B. bei der direkten Umwandlung von Solarstrahlung mittels Fotovoltaik um mehr als eine Größenordnung, und sie wird es auf absehbare Zeit auch bleiben. Windstrom ist zwar viel billiger als Fotovoltaikstrom, aber trotzdem deutlich teurer als Kernenergiestrom. Der Wert von Wind- und Solarstrom ist zusätzlich noch durch seine unstete Verfügbarkeit beeinträchtigt. Nimmt man demgegenüber z. B. die Bereitstellung von Niedertemperaturwärme (z. B. zur Brauchwassererwärmung), so ist häufig die Sonnenenergie (mittels Solarkollektoren oder mittels Wärmepumpen) günstiger als die Kernenergie (zumindest sofern man nicht auch in Zeiten ohne Sonnenschein Energiebedarf hat, oder sofern man diese Zeiten durch günstige Energiespeichermöglichkeiten überbrücken kann). Alle Formen der Sonnenenergienutzung müssen unter den jeweils spezifischen Randbedingungen gesondert betrachtet werden. Eine allgemeingültige Konkurrenzaussage ist grundsätzlich nicht möglich.

Ein Vergleich anhand der Energiebilanzen (über komplette Lebenszyklusanalysen berechnet) führt im Allgemeinen zu relativ ähnlichen Ergebnissen wie der Wirtschaftlichkeitsvergleich, auch wenn im Einzelfall kleinere Abweichungen vorkommen.

In der Langfassung wird versucht, diese Grobaussagen etwas näher zu quantifizieren und an einigen Beispielen besser transparent zu machen. Nicht eingegangen wird in diesem Beitrag auf Risikofragen und auf die Entsorgung. Hierzu sei auf spezielle Beiträge in den Energie-Fakten verwiesen. (siehe unter: "Siehe auch", unten).

Dieser Beitrag wurde am 23. August 2007 veröffentlicht und entstand auf die Frage eines Lesers. Hier können Sie Kurz- und Langfassung gemeinsam als PDF downloaden (PDF, 60 kB).

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Siehe auch:

Literatur:

  • "Globale Umweltprobleme - Ursachen und Lösungsansätze" von Eike Roth
    Friedmann Verlag München 2004, ISBN -933431-31-X,
    (erhältlich z.B. bei Amazon.de und bol.de)

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