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Warum werden die Strompreise auch in Zukunft weiter steigen?
Veröffentlicht: 15. Oktober 2010; mehrmals aktualisiert, zuletzt 21. Nov '14

Warum werden die Strompreise auch in Zukunft weiter steigen?


TheißingVon Klaus Theißing (klaus theissing@energie-fakten.de)

Antwort

Resignierend sagte meine Großmutter stets: „Alles wird teurer – was will man man machen?“ Mit dieser Feststellung hat sie bisher nahezu immer recht behalten.

In dieser Antwort sollen keine exakten Preise vorgerechnet werden, sofern dies überhaupt mittelfristig möglich ist. Vielmehr sollen die Einflussgrößen dargestellt und erläutert werden. Denn insbesondere beim Strompreis gibt es einige Fakten, die nicht auf auf kurz- und mittelfristige Preissenkungen hindeuten – ganz im Gegenteil.

  1. Viele Steuern liegen auf dem Strom
    Mit einem Steueranteil von rund 41 % dürfte sich der Strompreis bei zukünftigen Steuererhöhungen ebenfalls stark erhöhen. (Eine Aufschlüsselung des Strompreises finden Sie in der Antwort auf die Frage Wie setzen sich die Strompreise zusammen (Stand 2006)?) Weitere Materialien: siehe auch Aktualisierung unten.
  2. Erneuerbare Energien
    Jährlich wächst der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromversorgung. Die Energieversorgungsunternehmen vergüten den Herstellern diesen Strom mit Einspeisevergütungen, die über den Gestehungskosten anderer Quellen liegen. Zwar sinken die Einspeisevergütungen mit den Jahren, jedoch steigt der Anteil der regenerativen Energien beständig. „Unter dem Strich“ steigt so der sich jährlich ändernde zu entrichtende Obolus, der derzeit [Jahr 2010] bei 2,047 Cent/kWh liegt.

    Die Ankündigung der Erhöhung der Ökostromumlage für das Jahr 2011 auf 3,5 Eurocent/kWh schlug in den Medien [1] Wellen. Die sensationelle Steigerung um rd. 58 %, bringt für einem Haushalt Mehrkosten in Höhe von rund 3500 kWh • 0,015 Euro/kWh = rd. 50 Euro pro Jahr mit sich. Die Umlage stieg im Jahr 2012 auf 3,592 Cent je Kilowattstunde. [5] Aktualisierung Okt. 2012: Die Erhöhung der Umlage auf 5,277 Cent je Kilowattstunde, ein Plus von rund 47 % ist der aktuelle Rekord. [8] Rekorde können aber gebrochen werden und so wurde die Umlage im Oktober '13 auf 6,24 Cent/kWH erhöht. Die «Wirtschaftsweisen» bemängeln die ausufernde Förderungspolitik, zeigen Alternativen auf und lassen daher auch an der Novelle von Minister Gabriel – der sog. Energiewende 2.0 – aus dem Jahr 2014 kein gutes Haar. [9]

    Jahr *
    Ökostrom-
    Umlage
    (Netto,
    ohne MWSt)
    Steigerung
    zum Vorjahr
    Mehrbelastung
    eines Durchschnitts-
    haushalts mit 3.500 kWh
    (Netto) im Vergleich zum Vorjahr
    Belastung bei einem Jahresverbrauch von 3.500 kWh
    (Netto)
    zusätzl. Gesamt-
    belastung bei einem Jahresverbrauch von 3.500 kWh
    (inkl. MWSt)
    2010
    2,047 Cent/kWh
     
     
    rd. 71,60 Euro
    85,26 Euro
    2011
    3,59 Cent/kWh
    58 %
    rd. 50 Euro/Jahr
    rd. 125,65 Euro
    149,52 Euro
    2012
    5,277 Cent/kWh
    47 %
    rd. 59 Euro/Jahr
    rd. 185 Euro
    219,79 Euro
    2013
    6,24 Cent/kWh
    18 %
    rd. 41 Euro/Jahr
    rd. 218 Euro
    259,90 Euro

    * Im Oktober des jeweiligen Jahres für das Folgejahr festgelegte Ökostrom-Umlage
    Die Verringerung der Abgabe in den kommenden Jahren ist nicht zu erwarten, siehe Photovoltaik-Anlagen: Wie beeinflussen diese Anlagen die zukünftigen Strompreise?
  3. Ausbau der Netze
    Aufgrund der Verlagerung der Strom-Produktion in die Windparks an und in der Nord- und Ostsee, werden neue Leitungen und „stärkere“ Stromnetze zum Transport des Stroms in die Verbrauchszentren den Südens benötigt. Die Netzkosten steigen also, dies wird sich im Strompreis niederschlagen.
    Näheres: Welche Folgen hat der Ausbau Erneuerbarer Energien für unsere Stromversorgung?
    Um die schleppende Anbindung von off-shore Windparks zu beschleunigen, schlugen Bundeswirtschaftsminster Rösler und Bundesumweltminister Altmaier am 2. Juli '12 vor, die durch die Verzögerung entstehenden Kosten auf die Stromkunden umzulegen. [sic!] Hintergrund dabei ist, dass die Betreiber der Windparks für den aufgrund des nicht vorhandenen Stromnetzes nicht verkauften Strom zu entschädigen sind. [6, 7] Siehe auch: Können die „großen Vier“ Energieversorger Windkraftanlagen abschalten, damit Sie mehr Kohle- und Atomstrom verkaufen können?
    Im Sommer 2012 wurde eine neue „Netzabgabe“ zur Finanzierung der neuen Netze diskutiert.
  4. Smart Grids
    Das Stromnetz soll intelligenter werden. Das Ergebnis, ein „intelligentes Netz“ – auch oft „smart grid“ genannt – in dem z. B. Elektroautos „auf Befehl“ Überschussstrom laden sollen, wird erhebliche Investitionen mit sich bringen, die auf den Strompreis umgelegt werden dürften.
    Näheres: Energie-Fakten -> Bereich Intelligente Netze / smart grids
  5. Reservekraftwerke (Regelleistung)
    Wenn der Wind mal nicht so bläst, sollen auch zukünftig „die Lichter“ nicht ausgehen. Dazu werden fossile Kraftwerke im Hintergrund mit nicht optimalen Wirkungsgraden betrieben. Das kostet zusätzlichen Brennstoff und uns letztendlich auch zusätzliches Geld. Der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromversorgung steigt, so dürfte sich auch dieser Kostenfaktor zukünftig stärker auswirken.
  6. Kraftwerkspark
    Mit dem Ausstieg aus der Kernenergie gibt man diejenigen Reservekraftwerke auf, die den geringsten Anteil an Brennstoffkosten aller Kraftwerke haben. Der Einstieg in die (geförderte) Kraft-Wärme-Kopplung geschieht meist auf der Basis Erdgas. Die Brennstoffkosten von Gaskraftwerken (z. B. GuD) sind aber DER wesentliche Faktor der Stromgestehungskosten. Mit steigender Volatilität der Preise für Brennstoffe oder auch einem generell steigendem Preisniveau dürfte der Strompreis erheblich stärker als bisher steigen. (Siehe auch [3, 4])
  7. Offshore-Haftungsumlage
    Die Antwort der Politik auf eine Herausforderung der Energiewende ist eine neue Umlage. Mit Spannung erwartet der Autor die Entwicklung der Höhe dieser neuen Umlage. Weitere Infos zur Umlage siehe www.eeg-kwk.net

Fazit

Alle genannten sechs Faktoren deuten auf steigende Strompreise hin. Es scheint also, Großmutter würde recht behalten.

Aktualisierung

Ein Leser wies mich zurecht darauf hin, dass man die unter Punkt 1 angesprochenen Steuern aufschlüsseln sollte. Die folgenden Materialien des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) stellen die Abgabensituation dar:

  1. Entwicklung der Staatslasten seit 1998 bis 2011 (pdf, Link zum BDEW)
  2. Stromrechnung für Haushalte: Rund 41 Prozent Staatsanteil; Durchschnittliche Stromrechnung eines Drei-Personen-Musterhaushalts im Monat in Euro für die Jahre 1998 bis 2010
    (Schätzung BDEW: Stand 1. Halbjahr 2010; Link zum BDEW)
  3. Durchschnittliche Zusammensetzung des Haushaltsstrompreises (Stand: erstes Halbjahr 2010; pdf, Link zum BDEW)

Quellen

  1. ZDF: Webseite: „Heute“ (Link zu heute.de vom 14. Okt. 2010)
  2. Welche Folgen hat die „Brennelemente-Steuer“? Was kostet den Stromkunden die vom Bundeskabinett beschlossene neue Steuer auf Brennelemente?
  3. Wie ist der Kostenanteil von "Yellow Cake" (Uran) an den Geamtbetriebskosten eines Kernkraftwerkes?
  4. Wie verhalten sich Investitions-, Betriebs- und Brennstoffkosten bei unterschiedlichen Systemen zur Stromerzeugung?
  5. Ökostrom-Umlage: Das müssen Verbraucher 2012 zahlen; news.de am 14. Okt. 2011
  6. Neue Kostenlast für Stromkunden; Westfälische Nachrichten vom 3. Juli 2012
  7. Offshore-Netzausbau wird beschleunigt: Rösler und Altmaier legen Vorschlag für Haftungsregelung und Systemwechsel hin zu einem Offshore-Netzentwicklungsplan vor; Webseite des Bundesumweltministeriums, Pressemitteilung Nr. 097/12 vom 02.07.2012
  8. Strom wird noch teurer, Westfälische Nachrichten vom 11. Okt. 2012
  9. Welche Kritikpunkte führen die «Wirtschaftsweisen» gegenüber der Energiewende an?

Siehe auch

Eine Langfassung diese Textes ist nicht geplant. Dieser Text wurde am 15. Okt. 2010 veröffentlicht und mehrmals, zuletzt am 15. Juli '13 aktualisiert.
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