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Was soll die Bezeichnung der Kernkraft als Übergangsenergie bedeuten ?

Wie lange geht die Übergangszeit ?

Von Joachim Grawe
Grawe(
Joachim.Grawe@energie-fakten.de, Lebenslauf)

In der Energieversorgung gibt es – wie auch sonst in Technik, Wirtschaft und Gesellschaft – laufenden Strukturwandel. Bessere Technik ersetzt ältere. „Übergangsenergie“ ist aber ein politischer Begriff. Je nach der Position zur Kernkraft wird darunter etwas anderes verstanden.

Heute kann man wohl vier Bedeutungen unterscheiden:

  1. Da sind zunächst diejenigen, die meinen, mit dem Ablauf der (sich aus der sog. Ausstiegs-Vereinbarung zwischen der Bundesregierung und den Kraftwerksbetreibern ergebenden) Frist für die Stillegung des letzten deutschen Kernkraftwerks zwischen 2020 und 2025 habe sich das Thema hierzulande erledigt. Hierzu gehört die Mehrheit in den beiden Bundestagsfraktionen der SPD und der Grünen. Für sie war Kernkraft dann - rückblickend - eine Übergangsenergie für den Zeitraum 1961 (Inbetriebnahme des ersten stromerzeugenden Reaktors) bis spätestens 2025. An ihre Stelle sollen nach den Vorstellungen dieser Gruppe die regenerativen Energien treten. Das ist allerdings eine Illusion, wie die Fachleute wissen. Sonnen- und Windenergie können Kernenergie nicht ersetzen (siehe auch: Wie viele Häuser kann eine große Windkraftanlage mit einem Megawatt Leistung versorgen ?). Sie scheiden zur Deckung der Grundlast der Stromversorgung „rund um die Uhr“ aus, weil sie zu teuer sind (das ließe sich vielleicht noch akzeptieren, obwohl wahrscheinlich die wenigsten Menschen dazu bereit sein werden) und weil die Natur sie zu unstetig anbietet (das lässt sich auch durch den besten Willen nicht ändern, Strom braucht der Verbraucher nach seinen Bedürfnissen, nicht nach den Launen von Wind und Sonne). Zwar kämen für diese Aufgabe (neben der bei uns kaum noch ausbaubaren Wasserkraft) zwei regenerative Energien grundsätzlich in Betracht, nämlich die Biomasse und die Erdwärme. Aber es ist noch  offen, ob sie diese Aufgabe auch tatsächlich erfüllen können. Das Potential der Biomasse ist in Deutschland bescheiden, und die Nutzung der Erdwärme zur Stromerzeugung steht noch ganz am Anfang. Da Deutschland nicht ausreichend über hierfür prädestinierte Stellen im Untergrund - sog. geothermische Anomalien mit schnellerem Temperaturanstieg (siehe: Wie ist das mit der Erdwärme ?) - verfügt, müßte sie aus größeren Tiefen gewonnen werden. Inwieweit das technisch-wirtschaftlich in großem Maßstab gelingt, muss abgewartet werden. Auch Biomasse und Erdwärme machen jedoch die Kernkraftwerke bis 2025 nicht überflüssig. Selbst wenn ihre völlige Ersetzung wünschenswert wäre (Sie ist es u. a. deshalb nicht, weil damit die Bemühungen zum Klimaschutz konterkariert werden würden), so ist sie jedenfalls in den nächsten 15 – 20 Jahren nicht machbar.
  2. Andere hoffen, in Zukunft auf die Kernkraft verzichten zu können, sind aber realistisch genug zu erkennen, dass das eine längere Zeit brauchen würde. Auch sie treten für regenerative Energien ein. Zusammen mit Erdgas (eine – wegen ihrer erschöpflichen Ressourcen - mit erheblichen Risiken für eine sichere und wirtschaftliche Stromerzeugung behaftete „Übergangsenergie“! und außerdem keine CO2-freie Energie) sollen sie die Versorgungsaufgabe übernehmen. Jedoch müssen nach Ansicht dieser Gruppe die Auslauffristen für die Kernkraftwerke um einige Jahrzehnte verlängert werden, weil sie vorher sowohl aus Gründen ausreichender Kapazitäten (viele Kohlekraftwerke sind veraltet und müssen ersetzt werden) als auch aus Gründen des Klimaschutzes nicht entbehrt werden können. Hierfür  plädiert z. B. die Landesregierung von Baden-Württemberg, im Einklang mit Mehrheiten bei der CDU und CSU sowie der F.D.P.. Entscheidend wird sein, ob die „Blütenträume“ der Erdwärme reifen. Wenn das eintritt, wäre auch für die Vertreter dieser Auffassung Kernkraft eine „Übergangsenergie“ (gewesen). Möglicherweise müsste aber zur Ablösung der vorhandenen erst noch eine neue Generation nochmals leistungsfähigerer (und sichererer) Kernkraftwerke gebaut werden.
  3. Die dritte Gruppe sind die Anhänger der Kernfusion. Sie sehen in dieser die Lösung für den wachsenden „Energiehunger“ der Menschheit. Der viel beredete „Umstieg“ würde von der heutigen Spaltung großer Atomkerne zur künftigen Verschmelzung sehr kleiner Atomkerne stattfinden. Eine „Übergangsenergie“ wäre dann nicht die Kernkraft insgesamt, sondern nur eine ihrer beiden Formen: die Kernspaltungsenergie. Unstreitig haben  Fusionsreaktoren nochmals deutlich geringere „Risiken und Nebenwirkungen“ als moderne Spaltungsreaktoren. Ob die letztgenannte Technik auf diese Weise zur „Übergangsenergie“ wird, hängt aber davon ab, inwieweit die gesteuerte Kernverschmelzung mit Energiegewinn in großem Maßstab zu wirtschaftlich akzeptablen Randbedingungen gelingt. Erwartet wird von den einschlägig arbeitenden Forschern ein Beitrag zur Stromversorgung und darüber hinaus zur Energieversorgung ab etwa 2050. Der Zeithorizont ist hier also nochmals länger als derjenige in Ziff. 2. Derzeit laufen erfolgversprechende Verhandlungen über das Demonstrationsprojekt ITER, das in internationaler Kooperation – wahrscheinlich in Frankreich – gebaut werden soll.
  4. Schließlich sprechen manche auch ganz einfach insofern von einer „Übergangsenergie“, als wohl alles auf dieser Erde einmal von etwas Neuem und Besserem abgelöst wird. Was in 100 oder mehr Jahren kommt, können wir heute einfach noch nicht wissen. Für sie ist ein Ende der Kern(spaltungs)energie zwar nicht absehbar, wird aber aus übergeordneten Überlegungen wahrscheinlich doch einmal kommen.

Dieser Beitrag wurde am 19. Mai 2005 veröffentlicht.

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