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Spielt unsere Regierung mit der Versorgungssicherheit wirklich „russisches Roulette?
Veröffentlicht: 09. Feb. 2015

Spielt unsere Regierung mit der Versorgungssicherheit wirklich „russisches Roulette“?

Manfred Popp
Prof. Dr. M. Popp
Von
Manfred Popp (Manfred.Popp@energie-fakten.de)

Mit dieser pointierten Formulierung bezieht sich die Frage offenbar auf eine Pressemeldung des Fachverbands Anlagenbau Energie, Umwelt, Prozessindustrie (FDBR) vom 21. Januar dieses Jahres. Leider muss man sagen, dass die Sorgen der Anlagenbauer berechtigt sind.

Deutschland ist auf dem Weg, seine Stromversorgung so weit wie möglich auf Erneuerbare Energien zu stützen. Im Jahr 2014 lag ihr Anteil bereits bei 27 %. Die gesamte Kapazität der Erneuerbaren Energien hat mit 87 GW die der konventionellen Energien (90 GW) fast erreicht, die noch fast ¾ der Stromerzeugung sichern, wir haben jetzt also einen doppelten Kraftwerkspark. Und den brauchen wir weiterhin, auch wenn wir den Anteil der Erneuerbaren Energien weiter steigern, denn das wird fast ausschließlich durch Wind- und Solarenergie erfolgen. Die Wasserkraft ist leider kaum noch nennenswert ausbaubar und bei der Biomasse hat der Gesetzgeber zu recht den Ausbau auf die Verwendung von Reststoffen begrenzt. Damit wird also in Zukunft der Anteil der Energiequellen Wind und Sonne von heute knapp 15 % rasch weiter anwachsen. Ihre stark schwankende Verfügbarkeit bewertet die Bundesnetzagentur bei der Photovoltaik mit 0 % und bei der Windenergie mit 1 %. Praktisch für alle Wind- und Solaranlagen müssen also jederzeit konventionelle Kraftwerke (Braun- und Steinkohle-, Kern und Gaskraftwerke) einspringen können. Technisch ist das kein Problem – noch nicht, es kann aber eines werden, wenn der Netzausbau mit dem steigenden Anteil der Erneuerbaren Energien nicht Schritt hält.

Das aktuelle Problem ist wirtschaftlicher Art: Da die Erneuerbaren Energien Vorrang bei der Stromeinspeisung ins Netz haben, sind heute Kohle- und Gas-Kraftwerke teilweise nicht mehr wirtschaftlich, sie dürfen aber nicht stillgelegt werden, weil sie als Reserve jederzeit verfügbar sein müssen. Die Anlagenbauer machen sich auch zu Recht sorgen, dass bei unwirtschaftlichen Anlagen auch an der Wartung gespart werden könnte, was längerfristig fatale Folgen hätte. Die Energieversorgungsunternehmen leisten mit der Aufrechterhaltung unwirtschaftlicher Kraftwerke einen unverzichtbaren Beitrag zur Versorgungssicherheit, der aber nicht vergütet werden soll, wie Bundes-Wirtschaftsminister Siegmar Gabriel mit dem nicht minder pointierten Slogan „Kein Hartz IV für alte Kraftwerke“ angekündigt hat.

Der Umgang der Politik mit der Energiewirtschaft ist haarsträubend: einst gab es Energieversorgungsunternehmen mit staatlich kontrollierten, an den Kosten orientierten Preisen, dann, in den 1990er Jahren wurde der EU-Kraftwerksmarkt liberalisiert; Deutschland hat allen anderen voran die Strombranche in normale, profitorientierte Kapitalgesellschaften verwandelt. Da nun mit der Energiewende wieder die Planwirtschaft einzieht, sollen die Unternehmen wieder zu staatlichen Dienstleistern werden. Bei so inkonsistenter Energiepolitik kann man sich um die künftige Versorgungssicherheit schon Gedanken machen. Dabei steht viel auf dem Spiel: Ein längerer Black-out würde Deutschlands Wirtschaft massiv schädigen und viele Menschenleben fordern.

Der Ausdruck „Russisches Roulette“ weckt aber noch eine andere Assoziation: Wenn die Ukraine-Krise zu weiteren Sanktionen gegen Russland führt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Putin den Gashahn zudreht, es wäre nicht das erste Mal. Zwar gibt es inzwischen – vor allem wegen des in Deutschland ungeliebten Frackings – viel mehr Lieferländer als vor einigen Jahren, doch ist unsere Infrastruktur noch nicht auf diese Angebote eingestellt und damit immer noch stark von russischen Lieferungen abhängig.


Siehe auch

  1. Wie wird sich die Versorgungssicherheit in Deutschland angesichts der stark zurückgefahrenen Investitionen in Kraftwerke und Netze entwickeln? Im Artikel aus dem Jahr 2002 blickt Prof. Dr. Grawe in die Zukunft. …
  2. Weitere Artikel finden Sie im Bereich Aspekt Versorgunssicherheit

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