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Kernenergie: Perspektiven der Branche unter den Randbedingungen des Verständigungspapiers

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Von Dr. Walter Hohlefelder W. Hohlefelder

Die Texte, die in dieser Rubrik veröffentlicht werden, sind nicht für die "Energie-Fakten" geschrieben worden. Die Verfasser haben uns aber auf Anfrage gestattet, sie in diesem Rahmen zu veröffentlichen. Die "Energie-Fakten" sind an solchen Veröffentlichungen interessiert, soweit eigene Beiträge zu der Thematik nicht vorliegen und in nächster Zeit nicht vorgesehen sind.

Die Bedeutung der Kernenergie nimmt weltweit kontinuierlich zu. Das belegen zunächst nüchterne Zahlen: Im vergangenen Jahr stieg die global installierte nukleare Erzeugungsleistung um rund 6000 MW auf nunmehr 380.000 MW. Die 441 Kernkraftwerksblöcke erreichten damit einen Anteil von rund 16 % an der weltweiten Stromerzeugung. Offensichtlich bewährt sich Kernenergie auch im vom zunehmenden Wettbewerb geprägten weltweiten Energiemarkt.

Diese internationalen Entwicklungen wie auch vor allem die Tatsache, dass allein in Deutschland ab 2010 nach und nach 20.000 MW zu ersetzen sind, lassen vermuten, dass wir auch in Deutschland über kurz oder lang eine neue Diskussion über den Beitrag der Kernkraftwerke zur Versorgungssicherheit bekommen werden. Schweden hat unter dem Eindruck wachsender Kapazitätsverknappung auf die Schließung des Kernkraftwerks Barsebæck 2 verzichtet. Auch die Erfahrungen in den USA, in Großbritannien, Kanada und Brasilien zeigen, dass bei einer akuten oder absehbaren Verknappung der Stromerzeugung das Thema Kernenergie mit neuer Offenheit diskutiert wird.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Wir sehen uns an die Vereinbarung mit der Bundesregierung gebunden. Genauso deutlich weise ich aber darauf hin, dass diese Vereinbarung weder einen "energiepolitischen Gesellschaftsvertrag" noch einen "Ausstiegskonsens" darstellt, wie die Berichterstattung in den Medien immer wieder suggeriert. Sie betrifft neben Entsorgungsfragen ausschließlich den Betrieb der bestehenden Kernkraftwerke in Deutschland. In der grundsätzlichen Bewertung der Kernenergie bleibt die Position der Energieversorgungsunternehmen unverändert.

Das ausschlaggebende Motiv für die Zustimmung zum Kernenergiekompromiss war für uns, ein Höchstmaß an "politischer Betriebssicherheit" für die bestehenden Kernkraftwerke zu erreichen.

Heute sehen wir uns weitgehend bestätigt. Die deutschen Kernkraftwerke haben im letzten Jahr 165 Mrd. kWh Strom in das öffentliche Netz eingespeist. Damit bleibt die Kernenergie mit 28,4 % der wichtigste Energieträger für die Stromerzeugung in Deutschland. Hierzu hat maßgeblich die außerordentlich hohe Arbeitsverfügbarkeit beigetragen.

Fünf der 10 weltweit besten Produktionsergebnisse bei der Stromerzeugung aus Kernenergie wurden im vergangenen Jahr von deutschen Kernkraftwerken erzielt. Das verdanken wir nicht zuletzt dem Umstand, dass mit der Vereinbarung auch politisch wieder mehr Ruhe eingekehrt ist. Aber auch in anderer Hinsicht sind die positiven Auswirkungen der Verständigung unverkennbar. So konnten bereits im Vorfeld der Vereinbarung die Transporte zur Wiederaufarbeitung (WAA) aufgenommen werden. Die Gefahr einer politisch motivierten "Verstopfung" der Anlagen wurde dadurch erheblich reduziert. Mit Fertigstellung der Interims- bzw. Zwischenlager in wenigen Jahren wird sich die Situation dann hoffentlich entgültig entspannt und normalisiert haben.

Der Kernenergiekompromiss gibt uns die erforderliche politische Ruhe. Das ist um so wichtiger, weil wir gerade in den ersten Jahren des Wettbewerbs unsere Kräfte auf die damit verbundenen tiefgreifenden Veränderungen konzentrieren müssen. So wenig sich in Deutschland angesichts derzeit noch freier Kapazitäten die Frage neuer Kernkraftwerke stellt, so klar ist, dass die Erzeugungskosten der bestehenden und weitgehend abgeschriebenen Anlagen - sieht man von Ausnahmen wie Stade einmal ab - deutlich unter den Kosten vergleichbarer Kohleblöcke liegen. Unsere Kernkraftwerke sind entscheidende Assets, um im harten europäischen Erzeugerwettbewerb bestehen zu können.

Die Vereinbarung eröffnet aber auch die Chance, nach einer Phase des Innehabens in einigen Jahren in Deutschland eine neue und hoffentlich sachlichere Debatte über den Beitrag der Kernenergie für eine umweltfreundliche und bezahlbare Stromversorgung zu führen.

Wenn wir weiterhin mit den Klimaforschern der Vereinten Nationen davon ausgehen, dass für die Eindämmung des Treibhauseffektes die anthropogenen CO2-Emissionen um bis zu 80 % reduziert werden müssen - bei gleichzeitig rapide wachsendem Energiebedarf in den Entwicklungs- und Schwellenländern -, dann gehört wenig Phantasie zu der Erkenntnis, dass beim Thema Kernenergie auch im Rahmen des Kyoto-Prozesses mit Sicherheit noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Allein in der EU verrneidet die Kernenergie rund 830 Mill. t CO2 pro Jahr. Das entspricht in etwa den gesamten Emissionen des europäischen Straßenverkehrs.

Für die künftige Rolle der Kernenergie sind die Entwicklungen des Marktes und die energiewirtschaftlichen Herausforderungen der Zukunft maßgeblich. Ein entscheidender Faktor dürfte dabei die Entwicklung der Erzeugungskapazitäten in Europa und die relative Wettbewerbsfahigkeit der Kernenergie gegenüber anderen Energieträgern sein. Ersetzen läßt sich jeder Energieträger. Die entscheidende Frage ist nur: zu welchem Preis?

Eine wesentliche Hürde für den Bau neuer Kernkraftwerke bilden auf absehbare Zeit die vergleichsweise hohen Kapitalkosten. Unsicherheiten über die künftige Strompreisentwicklung, die hohe Volatilität der Preise, kurzfristige Renditeerwartungen der Anleger und die Wechselhaftigkeit der energiepolitischen Rahmenbedingungen führen in der Tendenz zur Bevorzugung kurzer Investitionszyklen. Andererseits zeigt die finnische Entscheidung, dass hohe Kapitalkosten auch im entwickelten liberalisierten Markt kein K.O.-Kriterium sein müssen.

Chancen für eine Entideologisierung der gesellschaftlichen Debatte in Deutschland sind ohne Zweifel gegeben. In der Folge erscheint auch eine rationalere Kernenergiepolitik der Regierungen möglich.

Ob wir tatsächlich vor einer Renaissance der Kernenergie stehen, bleibt abzuwarten.

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