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Wie funktioniert der internationale Handel mit CO2-Emissions-Zertifikaten?
Veröffentlicht: 30. November 2010

Wie funktioniert der internationale Handel
mit CO2-Emissions-Zertifikaten?

Manfred Popp
Prof. Dr. M. Popp
 
Connie Hedegaard
Connie Hedegaard
EU Kommissarin für Klimaschutz

Video (3:23 Min)
Tanja Gönner
Tanja Gönner
Ministerin für Umwelt, Naturschutz und Verkehr
des Landes Baden-Württemberg

Video (1:53 Min)
Hans-Peter Villis
Hans-Peter Villis,
Vorsitzender des Vorstands der
EnBW Energie Baden-Württemberg AG
Video (1:49 Min)
Joachim Schnurr
Joachim Schnurr, Geschäftsführer der GFA ENVEST GmbH
Video (2:45 Min)
Christian Felix Matthes
Dr. Felix Christian Matthes, Forschungskoordinator Energie- und Klimaschutz des Öko-Instituts e.V. Berlin
Video (2:12 Min)
 
Von
Manfred Popp (Manfred.Popp@energie-fakten.de)

Kurzfassung

Das Kyoto-Protokoll sieht auch einen Mechanismus für umweltverträgliche Entwicklung (Clean Development Mechanism, kurz CDM) vor. CDM ermöglicht es Ländern mit Verpflichtung zur CO2-Reduzierung (also den höher entwickelten Ländern), Emissionsminderungen durch die Realisierung von Klimaschutzprojekten in Ländern ohne Verpflichtungen zur Emissionsreduzierung (also den weniger entwickelten Ländern) zu erbringen. Sinnvoll ist dies, weil in vielen Entwicklungsländern mit weniger effizienten Technologien gearbeitet wird als in den Industrieländern und dort deshalb mit dem gleichen finanziellen Aufwand höhere Einsparungen realisiert werden können. Gleichzeitig sollen die Entwicklungsländer damit an ein umweltverträglicheres Wirtschaften herangeführt werden. Der Beitrag eines CDM-Projektes zur CO2-Reduktion ist immer hypothetisch, da er aus dem Vergleich der tatsächlichen Emissionen mit den höheren Emissionen ohne das Projekt ermittelt werden muss. In der Europäischen Union wurde 2005 ein Emissionshandel mit Zertifikaten eingeführt. Wenn das Kyoto-Protokoll 2012 ausläuft, verliert auch der Emissionshandel seine Grundlage. Doch leider ist von dem nächsten Weltklimagipfel, der vom 29. November bis 10. Dezember dieses Jahres in Cancún (Mexico) stattfinden wird, kein neues Klimaschutzabkommen zu erwarten. Im Vorfeld dieser Konferenz war dem Thema CDM ein Debatten-Abend der Stiftung Energie- und Klimaschutz Baden-Württemberg mit hochrangiger Beteiligung gewidmet.

Die führende Rolle der EU unterstrich die Kommissarin für Klimaschutz, Connie Hedegaard; die EU habe mehr getan als versprochen. Sie lehnte aber eine einseitige neue Verpflichtungsperiode der EU ab, weil dies den politischen Druck auf die USA und China, die die größten CO2-Emittenten seien, sowie andere Länder nehmen würde. Leider habe es jedoch seit der Konferenz in Kopenhagen nur wenige Fortschritte gegeben. Weder aus den USA noch aus China seien vor der Konferenz in Cancún positive Signale zu verzeichnen. Die EU strebe deshalb für Cancún ein schrittweises Vorgehen an, das etwa zu Entscheidungen zum Schutz der Tropenwälder und für technologischen Austausch führen könnte.

CDM bezeichnete Kommissarin Hedegaard als Erfolgsgeschichte, die sich allerdings weitgehend auf die EU beschränkt, die 90 % des globalen CO2-Handels abdeckt. Kritisch bewertet sie dagegen die ungleiche Verteilung der derzeit fast 2500 Projekte, von denen die meisten in China, Indien, Korea und Brasilien stattfänden, nur 52 Projekte gebe es in Afrika. Sie forderte daher eine Vereinfachung des CDM-Systems, um es künftig auch Schwellenländern zu ermöglichen, ihre Emissionen zu reduzieren. Andererseits gebe es auch Projekte mit zweifelhafter ökologischer Integrität, weshalb vor allem für den Bereich der Industriegase strengere Regelungen erforderlich seien.

In der anschließenden Diskussion erkannte der Forschungskoordinator Energie- und Klimapolitik des Öko-Instituts Berlin eine Legitimationskrise des CDM-Systems. Es diene hauptsächlich der Industrie, doch müssten „am Ende des Tages“ auch die Haushalte und die Autofahrer ihren Beitrag zur Emissionsminderung leisten. Viele CDM-Projekte würden bei weitem nicht die berechnete Einsparung von CO2-Emissionen erbringen, deshalb sei eine Nutzungsbegrenzung der Projekttypen erforderlich und ein Ausschluss einiger Staaten zu prüfen.

Als Vertreter eines Industrieunternehmens, das sich stark im Handel mit CO2-Zertifikaten engagiert, zeichnete Joachim Schnurr, Geschäftsführer der GFA ENVEST GmbH ein anderes Bild. Er betonte die Bedeutung und die Qualität der CDM-Projekte, beklagte aber das Fehlen eines legalen Regelwerkes für die Zeit nach 2012, die für die investierenden Unternehmen zu großen Unsicherheiten führe. Dies habe zur Folge, dass derzeit kaum noch Investitionen stattfänden; nach 2012 sehe er kein Potential mehr für CDM-Projekte. Andererseits entstünden neue nationale Emissionsmärkte, so in China und im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, die nach seinem Eindruck aber von der EU zurückhaltend bewertet würden. Für die Zeit nach 2012 forderte er mehr Flexibilität bei den Mechanismen – nicht bei der Qualität – und mehr Chancen für die Entwicklungsländer, sich am Handel mit CO2 zu beteiligen.

Die Ministerin für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes Baden-Württemberg befürwortete die projektbasierten Investitionsmöglichkeiten, die die flexiblen Mechanismen des CDM böten. Sie warnte vor dem Gedanken eines Ausschlusses einzelner Staaten aus dem System und warb für eine vorausschauende Haltung der Industrie, deren Engagement sich angesichts der internationalen Bedeutung des Themas Energie in der Zukunft sicher lohnen würden.

In seinem abschließenden Statement hob der Vorstandsvorsitzende der EnBW, Hans-Peter Villis, das Engagement der EnBW für die Energieeffizienz als verantwortungsbewusstes und nachhaltiges Unternehmern hervor. EnBW beteilige sich seit 2007 am Emissionshandel und sei überzeugt, dass davon nicht nur die Investoren sondern auch die Partnerländer profitieren werden. Ihm gehe es dabei nicht nur um das Generieren von Zertifikaten sondern auch um eine echte Hilfe für Länder wie Kolumbien, Peru oder Thailand, zu denen damit langfristige Partnerschaften geschlossen würden. Allerdings sei ein Unternehmen, das teilweise dreistellige Millionenbeträge im Ausland investiere, auf zuverlässige und stabile Rahmenbedingungen angewiesen. In der späteren Diskussion hob er am Beispiel von Projekten der Erneuerbaren Energien in Osteuropa hervor, dass eine Finanzierung nur mit einem Beitrag aus dem CO2-Markt gewährleistet werden könne.

Insgesamt machte der Debatten-Abend die Notwendigkeit klarer und langfristiger Verpflichtungen zur CO2-Einsparung im internationalen Rahmen überdeutlich. Die Unsicherheit über die Zukunft nach dem Auslaufen der Vereinbarungen des Kyoto-Protokolls durch das Scheitern der Konferenz von Kopenhagen und die begrenzten Erwartungen an die Konferenz von Cancún, gefährden den Bestand des zwar noch nicht perfekten, im Ansatz aber richtigen und zukunftsweisenden Instruments des CDM, das gerade erst begonnen hat, in enger internationaler Kooperation wichtige Beiträge zum Klimaschutz zu leisten.

Siehe auch

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