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Debatten-Abend „Ein integriertes Stromnetz als Basis einer Europäischen Energieversorgung: Wunsch oder Wirklichkeit?“
Veröffentlicht: 14. Juni 2011.
 

Ein integriertes Stromnetz als Basis einer Europäischen Energieversorgung: Wunsch oder Wirklichkeit?

Manfred Popp
Prof. Dr. M. Popp
 
Diskussionsrunde
Zusammenfassung des Themenabends
Video (3:07 Min) Link zu energieundklimaschutzbw.de
Diskussionsrunde
Ana Aguado Cornago,
Vorstandsvorsitzende der
Friends of the Supergrid

Video (2:02 Min) Link zu energieundklimaschutzbw.de
Diskussionsrunde
Rainer Joswig,
Vorstand der EnBW
Transportnetze AG

Video (2:29 Min) Link zu energieundklimaschutzbw.de
 
Von
Manfred Popp (Manfred.Popp@energie-fakten.de)

Die Europäisierung der Energieversorgung ist überfällig. Denn bis heute haben die EU-Mitgliedsländer die Energiepolitik als nationale Aufgabe verstanden und verteidigt, obwohl die Wirklichkeit des Marktes und die Strukturen der großen Energieversorgungsunternehmen diese Grenzen schon lange überwunden haben. Aber der Liberalisierung des Strom-Binnenmarktes vor 15 Jahren sind keine weiteren Schritte der Europäisierung der Energiepolitik gefolgt. Nationale Entscheidungen, wie zur Zeit das deutsche Moratorium für die älteren Kernkraftwerke, haben aber unmittelbare Konsequenzen für die Nachbarländer. Mit wachsenden Anteilen Erneuerbarer Energien steigen die Anforderungen an die Stromnetze, denn die Erzeugung wird weit weniger in der Nähe der Lastzentren erfolgen, und die Schwankungen des Energieangebots der Wind- und Solaranlagen müssen ausgeglichen werden, durch „Schatten“-Kraftwerke und Energiespeicher. Dabei gewinnt die europäische Dimension an Bedeutung, um eine breitere Basis für die Ausgleichsmechanismen zu haben. In dieser Frage waren sich alle Teilnehmer an einem Debattenabend der Stiftung Energie und Klimaschutz Baden Württemberg am 16. Mai 2011 zu diesem Thema einig.

Aber wie sieht die Wirklichkeit aus? Noch immer wird die Energiepolitik als nationale Domäne der Mitgliedsländer betrachtet. Dies bringt allen wirtschaftliche Nachteile, weil die EU mit ihrer gesamten Marktgröße bessere Konditionen mit Lieferanten wie Gazprom aushandeln könne als einzelne Mitgliedsländer. Darauf wies Herbert Reul, Vorsitzender des Ausschusses für Industrie, Forschung und Energie des Europäischen Parlaments Anfang der Diskussion hin. Der Energie-Kommissar der EU, Günter Oettinger, könne daher nur eine Politik der kleinen Schritte zu einer europäischen Integration in der Energiepolitik unternehmen.

Immerhin, es gibt im Rahmen der EU-Regulierung eine enge Zusammenarbeit der Netzbetreiber in Europa, die im Verband der Europäischen Übertragungsnetzbetreiber für Strom ENTSO-E zusammengeschlossen sind. Eine Verordnung zum grenzüberschreitenden Stromhandel regelt, was die Netzbetreiber gemeinsam zu machen haben: sie sind verantwortlich für die Versorgungssicherheit im Echtzeitbereich bis zu einer Stunde, auch für die längerfristige Versorgungssicherheit auf der Basis regelmäßiger Vorausschauen. Der Verband hat eine wichtige Rolle im Gesetz. Im Verband arbeiten über 70 Komitees mit über 1500 Fachleuten. Sein Leiter, Dr. Konstantin Stachos berichtete, dass aktuell die Frage untersucht werde, ob auch während des deutschen Moratoriums die Erzeugungskapazität noch ausreicht, um den Bedarf zu decken. Engpässe fordern grundsätzlich wettbewerbsgerechte Regelungen, Strombörsen und Netzbetreiber müssen eng zusammenarbeiten, weil Strommengen und Übertragungsrechte gemeinsam gehandelt werden.

Eine europaweite Planung des Netzausbaus ist vor allem wegen der Erneuerbaren Energien erforderlich, die vorzugsweise an den dafür besten Standorten ausgebaut werden sollten, so dass größere Entfernungen zu den Lastzentren überbrückt werden müssen. Im letzen 10-Jahresplan bis 2021 hat der Verband einen Bedarf für 500 Projekte des Netzausbaus in Europa in den nächsten 10 Jahren festgestellt, insgesamt 42 000 km überwiegend neue Trassen. Stachos erläuterte auch die Planungmethoden. Die jährlich fortgeschriebenen 10-Jahrespläne werden auf der Grundlage von Marktanalysen erstellt, die auf der Basis der unterschiedlichen Strompreise die zu erwartenden Im- und Exporte und daraus die erforderliche Transportkapazität ermitteln.

Aber werden diese benötigten Leitungen auch gebaut? Herbert Reul verwies auf zwei offene Fragen:

  1. Wer finanziert die neuen Leitungen? Grundsätzlich die Betreiber, die dazu aber nicht immer in der Lage sind; hier muss über europäische Finanzierungsinstrumente nachgedacht werden.
  2. Werden finanziert Projekte auch realisiert?

Hier besteht das von allen Teilnehmern beklagte große Problem der langwierigen und im Ergebnis unplanbaren Genehmigungsverfahren. Alle 500 Projekte in Europa, so Stachos, werden umkämpft sein.

Auch Rainer Joswig, Vorstand der EnBW Transportnetze AG beklagte die Dauer der Genehmigungsverfahren und ihr offenes Ende vor allem auf dem Hintergrund der ständig steigenden Herausforderungen, denen das Netz ausgesetzt ist. Deutschland sei inzwischen durch den starken Ausbau der Windenergie und der Photovoltaik zum Versuchslabor geworden. Auch Fehlinvestitionen wie der Ausbau der Photovoltaik im Norden, wo mit dem gleichen Geldeinsatz im Süden das Doppelte erreichbar wäre, müssen die Netze ausgleichen. Die Defizite zeigen sich in Beschwerden der polnischen und tschechischen Regierungen wegen Inanspruchnahme der Randnetze anstelle des Ausbaus der eigenen Netzstruktur. Insbesondere die Photovoltaik stelle eine tickende Zeitbombe für die Netzstruktur dar. Steigt die Frequenz im Niederspannungsnetz als Folge einer Überversorgung an, so müssen alle Kraftwerke bis über 51 Hz am Netz bleiben; die Photovoltaikanlagen schalten aber bereits bei 50,2 Hz ab. Wenn dann an sonnenreichen Tagen eine solche Überversorgung eintritt, können schlagartig alle 800 000 Anlagen mit zusammen 12 – 15 GW Leistung vom Netz gehen. Das europäische Netz ist aber nur für den plötzlichen Ausfall von 3 GW ausgelegt. Daraus können größere Netzzusammenbrüche entstehen.

Ein besonderes Problem bildet das aktuelle deutsche Moratorium, das Kopfschütteln aus den EU-Nachbarstaaten ausgelöst habe. Selbst unter der Prämisse, dass sich um uns herum nichts weiter verändert, was aber nicht gesichert ist, würde die Fortsetzung bzw. die bleibende Abschaltung der älteren Kernkraftwerke zu einer konkreten Gefährdung im kommenden Winter führen. Eine besonders kritische Situation bildet der dann entstehende Spannungstrichter im Raum Frankfurt Stuttgart. Von hier ausgehend entsteht eine konkrete Gefahr für einen Black-Out, dessen Umfang schwer zu kontrollieren ist. Joswig betonte, dass es ihm nicht darum gehe, einen Schutzschirme über bestimmte Kraftwerke zu spannen, aber das Problem sei akut. Erst wenn 2013 die Inbetriebnahme der im Bau befindlichen Kohlekraftwerke in Karlsruhe und Mannheim erfolgt sei, werde die Situation wieder entspannter. Man müsse vor dieser Situation warnen, auch wenn es sein könne, das der Black-out durch günstige Umstände vermieden werden könne und dann von Schwarzmalerei die Rede sei. Aber wenn der Black-out eintritt, würde das Fehlen einer Warnung zu Recht kritisiert.

Trotz des ernüchternden Zustands der EU-Energiepolitik gibt es ehrgeizige Pläne für den Ausbau des europäischen Netzes. Oettinger spricht von Strom-Autobahnen (Öttinger), die vielleicht nötig werden, wenn die Erneuerbaren Energien in Europa an den dafür besten Standorten massiv ausgebaut werden. Dann müssen große Mengen an Solarenergie aus dem Süden oder Windenergie aus dem Norden in die Lastzentren in der Mitte Europas transportiert werden. Es gibt bereits eine Vereinigung von Freunden des „Supergrid“, eine Lobby-Einrichtung, in der sich 22 Firmen und Organisationen zusammengeschlossen haben. Laut ihrer Leiterin Ana Aguado Cornago repräsentieren die Mitglieder die gesamte Lieferkette für den Bau des Supergrid. Gedacht wird an ein System der Hochspannungsgleichstrom-Übertragung zur großräumigen Transport hoher Leistungen quer durch Europa. Gearbeitet wird an regulatorischen Aspekten, der Kapitalbeschaffung und der politischen Unterstützung. Der Anfang könnte in 15 Jahren in der Nordsee gemacht werden, um deutsche und britische Windparks an das Netz anzubinden. Aber eines ist klar, ob Stromautobahnen oder Supergrid, der Bedarf dafür hängt vom Fortschritt des Ausbaus der Erneuerbaren Energien ab.

Das Resumé der Diskussion war wenig ermutigend. Durch den Zustand des Netzes und die zu langsame Realisierung seines Ausbaus entsteht für die Versorgungssicherheit eine wachsende reale Gefahr. Dieses Problem ist aber nicht im Bewusstsein der Menschen und der Politiker. Vielleicht ist eine Lehre notwendig, aber es ist wichtig, dass die Fachleute vorher warnen.

Siehe auch

  • Zusammenfassender Übersichtsartikel des Debattenabends (Link zu www.energieundklimaschutzbw.de)

  • Energiemix der Zukunft (Link zu energieundklimaschutzbw.de); Präsentation von Prof. Dipl.-Ing. Karl Rose
  • Bereich Übergeordnetes -> Energieverteilung und - anwendung (Netze)
  • Bereich Regenerative Energien -> Solarstrahlung der Energie-Fakten.de
  • Bereich Regenerative Energien -> Windkraft der Energie-Fakten.de
  • Bereich Regenerative Energien -> Wasserkraft der Energie-Fakten.de
  • Bereich Regenerative Energien -> Sonstige der Energie-Fakten.de
  • dena beziffert Kosten für Netzausbau
    „Die Stromverteilnetze in Deutschland müssen bis 2030 in einer Grössenordnung von 135.000–193.000 km ausgebaut und auf einer Länge von 21.000 bis zu 25.000 km umgebaut werden. Das kostet zwischen EUR 27,5 Mrd. und EUR 42,5 Mrd. […], wie aus einer Studie hervorgeht, welche die Deutsche Energie-Agentur GmbH (dena) am 11. Dezember 2012 in Berlin vorgestellt hat.“ (Text des Nuklearforum Schweiz)
    Dena-Verteilnetzstudie: Ergebnisse in bewegten Bildern auf der Webseite der dena.de
  • Weitere Veröffentlichungen zu anderen Themen im Rahmen der Medienkooperation mit der Stiftung Energie & Klimaschutz Baden-Württemberg.

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