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Debatten-Abend „Hand in Hand für den Klimaschutz“
Veröffentlicht: 18. Juli 2011.
 

Energie-Wende –
bleibt der Klimaschutz auf der Strecke?

Manfred Popp
Prof. Dr. M. Popp
Manfred Popp
Zusammenfassung des Debattenabends,
Video (3:02 Min), Link zu www.energieundklimaschutzbw.de
Herbert Kohler
Prof. Dr. Herbert Kohler,
Video (1:33 Min), Link zu www.energieundklimaschutzbw.de
Hans-Peter Villis
Hans-Peter Villis,
Video (1:54 Min), Link zu www.energieundklimaschutzbw.de
Manfred Popp
Franz Untersteller,
Video (1:58 Min), Link zu www.energieundklimaschutzbw.de
Manfred Popp
Erwin Staudt,
Video (1:44 Min), Link zu www.energieundklimaschutzbw.de
 
Von
Manfred Popp (Manfred.Popp@energie-fakten.de)

Trotz aller Beschwörungen der Politiker, der Klimaschutz hat es nach der abrupten Energiewende schwerer. Die Argumente, die vor noch nicht einem ganzen Jahr zugunsten einer Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke ins Feld geführt wurden, waren ja nicht abwegig: 150 Mio. t CO2 sparten die deutschen Kernkraftwerke Jahr für Jahr ein, und das zu äußerst günstigen ökonomischen Bedingungen. Nun wird diese Entlastung 10 Jahre früher fehlen, und es wird kaum möglich sein, diesen Ausfall zu kompensieren, schon gar nicht zu gleichen ökonomischen Bedingungen. Außerdem sollte die Laufzeitverlängerung den Erneuerbaren Energien eine längere Zeit zur technisch-wirtschaftlichen Weiterentwicklung geben; nun muss man damit rechnen, dass die Kernkraftwerke zunächst weitgehend durch fossil beheizte Kraftwerke ersetzt werden, in erster Linie wohl auf Basis von Erdgas. So sehr Deutschland in der Kernenergiepolitik international isoliert ist, so sehr liegen wir im internationalen Trend, wenn wir die nach den wissenschaftlichen Prognosen erforderlichen Einsparziele für CO2 verfehlen. Denn international werden keine ernsthaften Anstrengungen unternommen, um das in der Klimakonferenz in Kopenhagen formulierte Ziel einzuhalten, die CO2-Emissionen bis 2050 um mindestens 85 % zu reduzieren, um die Erwärmung des Klimas auf 2 °C zu begrenzen. (Siehe auch: Wie entwickelt sich der Energieverbrauch der Welt in Zukunft? Der World Energy Outlook 2010 der IEA) Selbst wenn man die wahrscheinlich eher geschönten Absichtserklärungen der Staaten ernst nimmt, läuft es auf eine Erwärmung um 3,5 °C hinaus, wenn man den Berechnungen der führenden Klimaforscher folgt.

Wie weit die vorgezogene Energiewende zu einem hohen Anteil Erneuerbarer Energien und zu mehr Klimaschutz führt, hängt entscheidend von den Bürgern ab. Denn die Energiewende kann nur gelingen, wenn die Akzeptanz für die zwingend notwendigen Voraussetzungen für mehr Erneuerbare Energien ausreicht. In erster Linie betrifft dies den Netzausbau, ohne den die Windenergie aus Nord- und Ostsee die Kernkraftwerke im Süden nicht ersetzen kann. Zweitens betrifft dies den Ausbau der Speicherkapazität, die derzeit nicht entfernt die Schwankungen des Energieangebots der Erneuerbaren Energien entspricht; hier gibt es aber bereits schlechte Erfahrungen beim Bau der erforderlichen Pumpspeicherwerke. Schließlich geht es auch um die Akzeptanz höherer Strompreise, die die noch nicht voll konkurrenzfähigen Erneuerbaren Energien und die erforderlichen Reservekapazitäten verursachen.

Was kann man also tun? Dieser Frage war ein Debattenabend der Stiftung Energie und Klimaschutz Baden-Württemberg gewidmet, der nicht nur Fachleute auf dem Podium versammelte. Unter Leitung des Fernsehmoderators Dr. Backes diskutierten der neue Minister für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft des Landes Baden-Württemberg Franz Untersteller, der Vorstandsvorsitzende der EnBW Hans-Peter Villis, der Präsident des VfB Stuttgart Erwin Staudt, der Umweltbevollmächtigte der Daimler AG Prof. Dr. Herbert Kohler und der Gastronom und Starkoch Alfons Schuhbeck. Dementsprechend ging es nicht um technologische Lösungen und energiewirtschaftliche Konzepte sondern um die Einstellung der Konsumenten und Kunden.

Wie schön wäre es, wenn die Einstellung der Deutschen zum Auto auf die Energiewende übertragbar wäre. So verwies Minister Untersteller auf das Kaufverhalten der Auto-Kunden, die zusätzliche Aufwendungen etwa für eine Metallic-Lackierung oder für besondere Felgen ohne langes Nachdenken aufbringen, aber Investitionen für energiesparende Maßnahmen, wie bei der Wärmedämmung der Häuser, von genauen Wirtschaftlichkeitsberechnungen abhängig machen. Zwar spürt die Automobilindustrie, wie Prof. Kohler berichtete, ein wachsendes Umweltbewusstsein ihrer Kunden, doch beschränkt sich dies weitgehend auf Deutschland. Wer gibt schon, fragte Alfons Schuhbeck, für Speiseöl locker 40 Euro pro Liter aus, was bei dem regelmäßigen Ölwechsel des Autos zum Standard gehört? Andere Werte wie gesunde Ernährung oder rationelle Energieverwendung müssten eigentlich wichtiger sein als das Auto. Auch Erwin Staudt forderte die Wirtschaft auf, sich nicht auf die Einhaltung von Vorschriften zu beschränken sondern sich ehrgeizigere Ziele beim Klimaschutz zu setzen. Hans-Peter Villis erklärte, dass sein Unternehmen die Herausforderung der Energiewende annehme, so durch Ausbau des Flusskraftwerks Iffezheim am Rhein und der Windparks Baltik 1 und 2 in der Ostsee.

Mehr Akzeptanz für den Ausbau der Windenergie im Süden erhofft sich die neue Landesregierung, so Minister Untersteller, die dafür jetzt erst einmal die planerischen Voraussetzungen schaffen will, von einer Beteiligung der Bürger an den erforderlichen Investitionen, die bessere Renditen als heute übliche Bankzinsen erzielen; vielleicht tröstet ja der Gedanke, Miteigentümer zu sein, über die „Verspargelung“ der Landschaft hinweg.

Wie fragil der derzeitige Grundkonsens zugunsten der Erneuerbaren Energien ist, wie rasch er sich in eine kritische Distanz verwandeln könnte, entlarvte zum Abschluss eine spaßig formulierte Frage von Alfons Schuhbeck: Ob es denn das nun alles sei, was wir vom Zeitalter der Erneuerbaren Energien zu erwarten hätten: „Windradl“ wohin man blicke, noch mehr Stromleitungen vor dem Fenster und überall Solarzellen auf Dächern und Hügeln – oder ob da später vielleicht doch noch etwas Besseres käme. Niemand hatte darauf eine Antwort parat.

Siehe auch

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