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Debatten-Abend: „Schlüssel zur Energiewende: die (Verteil!-)Netze“
Veröffentlicht: 3. Mai 2012.
 

Die Energiewende und ihre Folgen

Manfred Popp
Prof. Dr. M. Popp
 
Von
Manfred Popp (Manfred.Popp@energie-fakten.de)

Die Energiewende des Jahres 2011 wird weithin gleichgesetzt mit dem Ausstieg aus der Kernenergie und dem weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien. Das aber ist nicht Alles, denn damit beides möglich wird, ohne Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit der Versorgung mit elektrischer Energie zu gefährden. Eine zuverlässige Stromversorgung ist für uns in Mitteleuropa selbstverständlich geworden, so selbstverständlich, dass wir uns darüber kaum Sorgen machen. Dabei liegt in dieser Abhängigkeit ein enormes Risiko, dessen Eintrittswahrscheinlichkeit bisher sehr gering ist, dessen Auswirkungen aber alles Vorstellbare übersteigen. Das zeigt eine Untersuchung des vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) betriebene Büros für Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages (Was bei einem Blackout geschieht: Hintergründe und Bestellmöglichkeiten; Link zu tab-beim-bundestag.de). Wer diese Studie gelesen hat, wird nicht leichtfertig über einen Black-Out reden.

Mit dem Übergang zu einer Dominanz der Erneuerbaren Energien wird die Gefahr eines Black-Outs aber zunehmen, wenn das Stromnetz nicht so ertüchtigt wird, dass es den dramatisch zunehmenden Anforderungen auch gewachsen ist. Künftig müssen große elektrische Leistungen über große Entfernungen transportiert werden, wenn off-shore Windenergie-Anlagen die Kernkraftwerke im Süden ersetzen sollen. Und das Netz muss mit den gewaltigen Schwankungen des Leistungsangebots aus den Photovoltaik- und Windenergie-Anlagen fertig werden. Bisher hat der Ausbau des Netzes mit den Anforderungen durch den rapiden Ausbau der Erneuerbaren Energien nicht Schritt gehalten. Das zeigt sich deutlich in der dramatischen Zunahme der Regel-Eingriffe: Waren im Jahr 2003 nur an zwei Tagen je ein Regeleingriff in das Netz erforderlich, so so musste im letzten Jahr an 306 Tagen insgesamt 990 mal regelnd in das Netz eingegriffen werden, aus der Ausnahme ist also die Regel geworden.

Die Energiewende stellt also große Anforderungen an den Ausbau der Infrastruktur für die elektrische Energieversorgung. Anders als der Grundsatzbeschluss vom Juni 2011 ist das allerdings nicht mit einer einzelnen Entscheidung zu erreichen, notwendig ist vielmehr ein sehr vielgestaltiger Prozess, an dem Viele beteiligt sind, Unternehmen, Bund, Länder, Kommunen, Finanzinstitute und viele andere, die dabei durchaus nicht stets die gleichen Interessen verfolgen. Mit den notwendigen Schritten zum Ausbau des Netzes, der Energiespeicher und intelligente Zähler (Links: s.u.) erreicht die Energiewende gewissermaßen den Alltag, wo sie sich in zahllosen zähen Entscheidungsprozessen durchsetzen muss. Dies wurde deutlich bei einem Debattenabend der Stiftung Energie und Klimaschutz Baden-Württemberg am 2. Mai 2012 in Stuttgart, an der hauptsächlich Landes- und Kommunal-Politiker teilnahmen.

Aus den Beiträgen des Vorsitzenden der SPD-Fraktion im Stuttgarter Landtag, Claus Schmiedel, und des Landrats des Landkreises Rottweil, Dr. Wolf-Rüdiger Michel, die damit zugleich die beiden Großaktionäre der EnBW, das Land und die schwäbische Landkreise, vertraten, wurde deutlich, dass das Bewusstsein für diese Aufgabe in der Politik gewachsen ist, und entsprechende Bekenntnisse bereits in das politische Standard-Repertoire eingegangen ist. Allerdings blieben ihre Aussagen im Grundsätzlichen, in dem kein konkreter Widerspruch von Betroffenen zu befürchten ist.

Die Autonomie der Kommunen bei der Vergabe von Konzessionen für die Stromversorgung wurde vom Geschäftsführer der Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm, Matthias Berz, betont. Auch wenn diese Haltung von einem Bekenntnis zum Ausbau der Netz-Infrastruktur begleitet wurde, weckte sie den Verdacht, dass, falls dies Schule machen sollte, das Ergebnis eine Vielzahl kleinteiliger und kaum vereinbarer Einzelmaßnahmen sein wird.

Dass auch auf der Seite der Netzbetreiber die Situation durch viele unabhängige Player geprägt ist, erläuterte der Geschäftsführer der EnBW Energie Baden-Württemberg AG, Dr. Dirk Mausbeck. Danach beklagen manche Netzbetreiber, dass keine ausreichende Investitionssicherheit für den Netzausbau gegeben ist. Aber der Ausbau ist notwendig, so lange das EEG Bestand hat. Denn wenn früher der Strom von den Großkraftwerken zu den Kunden geleitet wurde, so kehrt sich bei hoher Auslastung der Photovoltaikanlagen der Transportweg um. Bisher hat das Netz, obwohl dafür nicht ausgelegt, diese Aufgabe bewältigt, aber für die Zukunft muss für die Bewältigung der weiter wachsenden Leistungsspitzen dringend weiter ertüchtigt werden. Dabei zeigten sich in der Diskussion bereits erhebliche Meinungsunterschiede: Während der Landesvertreter für einen großen leistungsfähigen Netzbetreiber im Land plädierte, wurde von den Vertretern der kommunalen Seite bestritten, dass ein größerer Netzbetreiber besser sei und befürworteten sehr dezidiert Individuallösungen. Hier liegt offensichtlich ein von der „großen“ Politik bisher übersehenes erhebliches Risiko für den Erfolg der Energiewende.

Auf jeden Fall bedarf es in der Zukunft auch der verstärkten Steuerung des Bedarfs So könnten bei dem erwarteten Aufbau eine Flotte von Elektrofahrzeugen sicher nicht alle Autos nach Heimkehr von der Arbeit gleichzeitig aufgeladen werden. Auch der Verbraucher muss also seinen Beitrag zur Bewältigung der Energiewende leisten. An diesem Punkt schieden sich in der Diskussion bereits die Geister. Während der Landespolitiker noch viel von der Vernunft und der Bereitschaft des Bürger zur Umorientierung erwartete, so erwarteten die näher am Kunden arbeitenden Teilnehmer keine große Bereitschaft zur Veränderung des Konsumverhaltens. Auch Anreizsysteme, die über tarifliche Regelungen eine Fremdsteuerung von Haushaltsgeräten, wie z.B. Wachmaschinen, Trocknern oder Tiefkühltruhen, dürften auf Akzeptanzprobleme stoßen.

Fazit der Diskussion: Die Energiewende hat ihre große Bewährungsprobe noch vor sich, und der Erfolg ist keineswegs gewährleistet.

Dieser Text wurde am 3. Mai. 2012 veröffentlicht.

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